Letztes Update am Do, 07.06.2018 08:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Mit Stift und Block im Mittelpunkt der Debatte

Ohne Gabriele Mayr geht im Tiroler Landtag nichts: Die Stenographin notiert Diskussionen und Tumulte.

© Rudy De MoorAuf dem Präsentierteller: Stenographin Gabriele Mayr sitzt direkt vor der Landtagspräsidentin.



Von Philipp Schwartze

Sie sitzt im Mittelpunkt, spielt für die Öffentlichkeit aber eine Nebenrolle: Wenn die Politiker sich gegenseitig ins Wort fallen, hört und sieht sie genau hin. Landtags-Stenographin Gabriele Mayr ist bei jeder Landtagssitzung mit dabei. „Früher haben wir alles mitgeschrieben“, erzählt die 59-jährige Götznerin.

Seit 20 Jahren läuft aber ein Tonband mit, zeichnet die Worte der Redner auf. Neben den Flachbildschirmen, die im barocken Sitzungssaal an den Wänden hängen, wirken Zettel, Stift und die Tätigkeit von Mayr wie aus der Zeit gefallen. Doch es braucht sie. „Wir notieren alles, was vom Tonbandgerät nicht aufgenommen wird: Abstimmungsergebnisse, die Namen der Zwischenrufer und Applaudierer und die genaue Uhrzeit von Sitzungsunterbrechungen.“

Gabriele Mayr notiert Zwischenrufe während der Landtagssitzung.
- Rudy De Moor

Vor 33 Jahren hat Mayr – damals schwanger – angefangen. „Der Beruf ließ sich gut mit der Familie vereinbaren, weil die Notizen zu Hause auf der Elektroschreibmaschine abgetippt werden konnten“, erklärt die gelernte Stenographin. Landtagspräsident Josef Thoman wollte sie ob ihrer Schwangerschaft damals heimschicken, doch wegen Personalproblemen blieb sie. „Es ist ein wunderschöner Arbeitsplatz inmitten dieses prachtvollen Barocksaals“, schwärmt die politisch interessierte Götznerin.

Aus Notizen und Tonbandaufnahmen entsteht der Sitzungsbericht.
- Rudy De Moor

Mit einer Kollegin wechselt sie sich bei den Sitzungen alle zwei Stunden ab, die richtige Arbeit beginnt dann in ihrem Büro im Landhaus, wo aus Tonbandaufnahme und Notizen ein Sitzungsbericht entsteht. Zwei Stunden Sitzung bedeuten sechs Stunden Arbeit. Mit allen Berichten – die die Abgeordneten gegenlesen dürfen – ist sie dann bis zur nächsten Landtagssitzung fertig.

Gerade lernt Mayr eine 19-Jährige ein. Immer wieder flüstert sie ihr ins Ohr, deutet und erklärt. Nachwuchs ist rar, Stenographie an Österreichs Schulen nicht mehr im Lehrplan zu finden. „Es ist auch nicht mehr Voraussetzung für den Job“, sagt Mayr. Junge Kolleginnen können Steno daher nicht mehr und hauen stattdessen lieber in die Laptop-Tasten.

„Als wir noch jedes Wort mitgeschrieben haben, wurden wir im 5-Minuten-Takt abgelöst“, erinnert sich die Stenographin. 260 bis 340 Silben notierte sie pro Minute mit der Rede- und Debattenkurzschrift. „Bei Schnellrednern musste man 400 Silben pro Minute bewältigen. Mir fällt da Franz Klug ein, der oft über eine Stunde gesprochen hat und wie eine Maschinenpistole loslegte.“

Dass es auch heute noch vorteilhaft sein kann, zeigte sich bei der konstituierenden Sitzung des neuen Landtags im März. Das Tonbandgerät fiel zu Beginn aus, Mayr musste alles mitschreiben.

Nachwuchs ist rar – Mayr lernt gerade eine junge Kollegin ein.
- Rudy De Moor

Noch gehört ihr Beruf zur parlamentarischen Kultur, doch niemand weiß wie lange. „In bayerischen Parlamenten wird noch jedes Wort mitgeschrieben. Aber es gibt auch schon technische Lösungen, die alle Zwischenrufe mitaufnehmen“, gibt sie ehrlich zu. Mit ihren 59 Jahren wird sie das aber wohl nicht mehr treffen.

Bei den ersten Sitzungen des neuen Landtags blickt Mayr immer wieder auf den Zettel mit der Sitzordnung. „Es dauert, bis man alle Gesichter der 36 Abgeordneten kennt“, erklärt sie. Viele erkennt sie aber ohne hinzusehen an Rhetorik oder Stimme. „Es gibt schon gute Reden. Aber manchmal denkt man sich auch, warum muss das noch mal gesagt werden.“ Notiert wird es natürlich trotzdem. Geduld braucht es auch.

Nachwuchs ist rar – Mayr lernt gerade eine junge Kollegin ein.
- Rudy De Moor

„Inzwischen weiß ich, was eine gute politische Rede ist und was nicht“, lacht Mayr. Bei der Arbeit ist aber Objektivität gefordert. „Manchmal würde ich gerne etwas sagen. Aber aufstehen und mitreden dürfen wir natürlich nicht.“

An diesem Sitzungstag im Mai geht es ruhig zu. Permanente Aufmerksamkeit auf mögliche Zwischenrufe und Applaus fordern dennoch viel Konzentration. Es kann aber auch anders laufen. „Wenn zu viele gleichzeitig rufen, wird es schwierig. Im Notfall müssen wir ,Tumult im Saal‘ und ‚unverständlich‘ schreiben.“

Generell sei die Debattenkultur schlechter geworden, meint Mayr. „Die Abgeordneten provozieren, sind manchmal schon sehr böse. Freundschaften gibt es seltener.“ Wenn etwas sehr unter der Gürtellinie ist, wird es gar nicht mitgeschrieben.

Dann schreitet Mayrs bislang fünfte Chefin ein, Landtagspräsidentin Sonja Ledl-Rossmann. Mayr würde ihren Job heute wieder wählen. Auch, weil weder die Familie noch das politische Interesse dabei zu kurz kommen. „Während der Sitzung bekommt man inhaltlich wenig mit – beim Abtippen dann aber alles.“




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