Letztes Update am Sa, 07.07.2018 14:41

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bachmann-Preis 2 - Brennende Sprachwucht und ein Flugzeugabsturz



Klagenfurt (APA) - Mit „und ich brenne“, einem Auszug aus einem längeren Text, startete die 1983 in Solingen geborene Autorin Özlem Özgül Dündar in den letzten Lesenachmittag und sorgte für heiße Diskussionen. Der Flugzeugabsturz, den Lennardt Loß zum Abschluss der Lesungen schilderte, ließ dagegen manche kalt.

Zwischen „mutter 1“, „mutter 2“, „mutter 3“ und „mutter 4“ wechselt Dündars Textfluss, in dem sich die Sorge einer Mutter um ihren offenbar von der Polizei gesuchten Sohn und mannigfaltige Variationen zu Feuer, Flammen und Bränden und ihren Auswirkungen abwechselt. Metaphern wie Gesichter, die wie Flammen brennen, wechseln mit realistischen Beschreibungen von einem Brand, bei dem jemand tatsächlich Feuer fängt und zu Tode kommt.

„Eine Sprachwucht. Vielen Dank. Ich bin ganz irritiert“, konnte Nora Gomringer zu Beginn der Jurydiskussion nur „dankbar stottern“. Hildegard E. Keller ortet drei Generationen von Frauen - nämlich Großmutter, Mutter und eine Frau mit kleinem Kind - sowie eine Mutter, die um ihren Teenager-Sohn zittert, der möglicherweise Täter eines Brandanschlages ist, bei dem eine der anderen Mütter umkommt. Ob es einen realen Hintergrund für den Text gebe, etwa den Anschlag von Solingen vor 25 Jahren, und ob es dieses Wissen zum Verständnis des Textes brauche, war ein heißes Thema der Debatte. „Sehr gut gemacht und konsequent ausgeführt“, befand Stefan Gmünder. „Ich habe es beim Lesen spannend gefunden, dass bestimmte Zusammenhänge erst entstehen“, sagte Klaus Kastberger. „Es sind eine ganze Reihe von Themen drinnen.“ - „So heiß der Gegenstand, so kühl die Komposition“, meinte Michael Wiederstein, dem der Text aber „an vielen Stellen zu explizit“ war.

Ziemlich zur Sache ging auch der junge Deutsche Lennardt Loß in seinem Text „Der Himmel über 9A“. 9A ist der aus einem über dem Pazifik abgestürzten Lufthansa-Jet herausgebrochene Sitz, an dem sich die überlebende Hauptfigur des Textes gemeinsam mit einer Mitpassagierin anklammert. Der Protagonist Hannes Sohr ist ein in die DDR geflüchteter Ex-RAF-Terrorist, der nach Buenos Aires unterwegs war, um eine von einem Schusswechsel mit der Polizei im Jahr 1975 stammende und nun gefährlich in seinem Körper wandernde Kugel herausoperieren zu lassen.

„Größte Angst vor Jurydiskussion / Größte Freude auf Jurydiskussion“, hatte der Autor getwittert, ehe er nach Klagenfurt aufgebrochen war. Mit Lob startete Insa Wilke in die Debatte: Einige Dinge gefielen ihr an dem Text „richtig gut“ - etwa das Interesse an den Figuren und die Eleganz, mit der die Hauptmotive und Details elegant zusammenspielen. „Eine fast schon burleske Räuberpistole“, fand Hubert Winkels in der Geschichte, die „ganz gut gemacht“ sei, aber „nicht gut genug“. Klaus Kastberger fand den Text überladen: „Ich glaube dem Text kein Wort. Er lässt mir keinen Platz zum Atmen.“ Knappes Urteil: „Zu viele Knochen und zu wenig Fleisch!“

„Der Text hat wahnsinnige Stärken, etwa seinen Humor. Dort funktioniert er. Aber wenn die Kindheitsgeschichte reinkommt, ist es mir zuviel“, bemäkelte Stefan Gmünder. „Ich finde ihn nicht witzig, aber ich sehe viele aberwitzige Dinge“, meinte Hildegard E. Keller. „Das ist sauber recherchiert, aber unheimlich zusammengezwungen.“ Dagegen Nora Gomringer: „Ich mag, dass da so viel anzitiert ist.“

Damit haben alle 14 Autorinnen und Autoren der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur gelesen, und das Zittern beginnt. Morgen um 11 Uhr gibt die Jury zunächst ihre sieben Namen umfassende Shortlist bekannt, aus deren Kreis anschließend in öffentlicher Abstimmung die Preise vergeben werden.

Hoffnung, sich auf dieser Liste wiederzufinden, dürfen sich wohl die Berlinerin Ally Klein („Carter“), die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk („Frösche im Meer“), der Deutsche Bov Bjerg („Serpentinen“), sein junger Landsmann Joshua Groß („Flexen in Miami“) sowie der deutsche Schauspieler, Regisseur und Autor Stephan Lohse („Lumumbaland“) machen.

Am heutigen Tag erhielten auch Jakob Nolte mit seinem „Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war“ sowie Stephan Groetzner mit seinem parodistischen Text „Destination: Austria“ viel Jury-Zuspruch. Die Frage ist, wie präsent die Jury noch den allerersten Auftritt hat: Raphaela Edelbauer, die einzige österreichische Teilnehmerin, las mit Startnummer eins ihren Text „Das Loch“. Die 28-jährige Wienerin könnte auch Chancen auf den Publikumspreis haben, für den heute zwischen 15 und 20 Uhr auf der Homepage des Bachmann-Preises abgestimmt werden kann.

(S E R V I C E - https://bachmannpreis.orf.at)




Kommentieren