Letztes Update am Mo, 06.08.2018 06:05

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Prager Frühling“ erschütterte vor 50 Jahren auch Österreich



Prag/Wien (APA) - 1968 begehrte die Jugend auf, in Vietnam tobte der Krieg, und in der Tschechoslowakei walzten Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling nieder. Dieses außenpolitische Ereignis erschütterte damals auch Österreich nachhaltig. Zentral für das Schicksal zahlreicher tschechoslowakischer Bürger war Rudolf Kirchschläger, der damalige österreichische Botschafter in Prag.

Außenminister Kurt Waldheim (ÖVP) wies an, in der Botschaft in Prag keine Visa mehr für verfolgte CSSR-Bürger auszustellen - Kirchschläger ignorierte dies jedoch. Er öffnete zigtausenden Tschechen und Slowaken damit die Tore Richtung Westen. Kirchschläger war dann von 1974 bis 1986 Waldheims Vorgänger als Bundespräsident.

Die Brisanz der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings hatte das offizielle Österreich aber wohl falsch eingeschätzt. Denn als die Panzer in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 auf Prag und Preßburg zurollten, waren die Vertreter der österreichischen Staats- und Heeresspitze auf Urlaub und weitgehend telefonisch nicht erreichbar.

Dabei war Wien auf den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen vorbereitet gewesen. Bereits am 22. März 1968 hatte der Nachrichtendienst im Verteidigungsministerium der Regierungsspitze eine Information vorgelegt, in der „ein wesentliches Einwirken“ der UdSSR in der CSSR nicht ausgeschlossen wurde. Man informierte auch darüber, dass auf allen wichtigen Straßen in Polen Wegmarkierungen Richtung Süden in kyrillischer Schrift angebracht wurden.

Österreich verhielt sich damals, auch unter dem Eindruck der keine 13 Jahre zurückliegenden Sowjetbesatzung, sehr zurückhaltend. Dazu gehört nicht nur die Anweisung von Waldheim, CSSR-Bürgern keine Visa auszustellen. Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) verurteilte den Einmarsch nicht. Er betonte via Rundfunk die Verpflichtung zur Neutralität und äußerte den Wunsch, die heimischen Truppen dürften sich der Grenze nur auf 30 Kilometer nähern.

Klaus sagte dem sowjetischen Botschafter Boris Podcerob, dass sich Österreich „nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten einmischen“ wolle. Österreich zeigte sich wegen der sowjetischen Überflüge oder der Landung eines Sowjethubschraubers im Weinviertel verärgert, der Protest war aber äußerst zahm. Es gab 49 Verletzungen des österreichischen Luftraums durch sowjetische Militärmaschinen. Moskau sprach von einem unbeabsichtigten Überfliegen der österreichischen Grenze „infolge technischen Versehens“.

Österreichische Politiker versuchten, über Hintergrundgespräche Einfluss auf die mediale Berichterstattung zu nehmen, die Medien handelten allerdings nicht danach. „Österreich mit seinem Radio und Fernsehen und die Printmedien wurde zu einer Relaisstation für die Übermittlung von Nachrichten aus der CSSR“, erklärte der Historiker Stefan Karner. „Weil Männer wie Gerd Bacher, Alfons Dalma, Hugo Portisch, Hans Dichand, Fritz Csoklich oder Helmut Zilk nicht einmal im Entferntesten daran dachten schönzufärben. Das haben dann ja die Sowjets auch immer wieder kritisiert, bis sie es schließlich einsehen mussten.“

Die Truppen des Warschauer Pakts wollten die Versuche unterbinden, einen totalitären Kommunismus zu reformieren. In den Nachmittagsstunden des 20. Augusts erhielten die Truppen den Befehl, „zur Verstärkung der Garnisonsbereiche nördlich der Donau“ auszurücken. Kritik gab es an Unstimmigkeiten bei der Zuständigkeit für die entsprechenden Marschbefehle.

Die Operation mit dem Decknamen „Donau“ wurde von vier Warschauer-Pakt-Staaten getragen. Bulgarien, Ungarn, Polen und die Sowjetunion schickten zusammen 100.000 Soldaten. 2.300 Panzer und 600 Flugzeuge überfielen die Tschechoslowakei in der ersten Phase. Die Zahl schwoll auf 750.000 Mann und 6.000 Panzer an. Einige Bürger stellten sich ihnen in den Weg - gewaltfrei.

Österreich war aufgrund seiner geografischen Lage das Erstaufnahmeland der tschechoslowakischen Flüchtlinge. Von 21. August 1968 bis im Herbst 1969 kamen laut dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung rund 210.000 Personen in die Alpenrepublik. Ein großer Teil von ihnen wanderte direkt aus der Tschechoslowakei aus. Rund 50.000 tschechoslowakische Touristen befanden sich zur Zeit des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Truppen auf Urlaub in Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. Sie konnten wegen einer Grenzsperre in Ungarn nicht heimreisen.

Gleich nach dem 21. August wurden Zeltlager für zigtausende Menschen errichtet. In Wien, das mit 90 Prozent der Übernachtungen die Hauptlast der Erstversorgung zu tragen hatte, wurden Notunterkünfte im Überschwemmungsgebiet der Donau, auf Campingplätzen, in Heimen von Hilfsorganisationen, Lagerhäusern oder auch Turnsälen aufgestellt. Teilweise waren die sanitären Verhältnisse in diesen Quartieren prekär.

Zur Verhinderung von Versorgungsengpässen versuchte Wien, die Flüchtlinge so schnell wie möglich zur Auswanderung zu bewegen. Dies gelang durchaus mit Erfolg. Viele Staaten hatten Interesse an den tschechoslowakischen Auswanderern, denn diese waren jung und gebildet. Zu den wichtigsten Aufnahmeländern gehörten Kanada, Australien, Südafrika, die USA und die Schweiz.

(Die Erstversion dieser Meldung wurde am 18.05.2018 versendet (APA086))




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