Letztes Update am Di, 04.09.2018 06:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kurden-Experte: USA und Türkei kollaborieren trotz Streit militärisch



Wien (APA) - Während USA und Türkei über die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson streiten und einen Handelskrieg am Laufen halten, arbeiten die beiden Regierungen militärisch im Irak und in Syrien zusammen. Dies bestätigte Kommunikationswissenschafter Kerem Schamberger von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München im APA-Interview.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist laut Schamberger der Angriff auf einen Konvoi des jesidischen Aktivisten Ismail Ozden, genannt Zaki Shingali, am vierten Jahrestag des Massakers an Jesiden in Kocho im Norden des Iraks. Am 15. August 2014 hatte die jihadistische Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) das jesidische Dorf in der Nähe des Shingal-Gebirges überfallen. Die Islamisten töteten sämtliche männliche Einwohner und verschleppten Frauen und Kinder als Sklaven und Geiseln. Am vierten Jahrestag des Massakers wurde in Kocho der Opfern gedacht.

An dem Gedenken nahmen auch jesidische Aktivisten teil, darunter Shingali, der seit 40 Jahren in den Strukturen der kurdischen Freiheitsbewegung bzw. der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK tätig ist. Der Jeside aus der Türkei genieße hohe Anerkennung in der Region, weil er sich für die Rechte der jesidischen Bevölkerung und die Gleichberechtigung der Religionen einsetze, insbesondere seit dem Massaker des IS 2014, so Schamberger. Angehörige der Religionsgemeinschaft gehören ethnisch zu der Volksgruppe der Kurden.

Bei der Rückfahrt von der Gedenkveranstaltung sei Shingalis Konvoi von türkischen Kampfjets bombardiert worden, sagte Schamberger. Dabei seien Shingali und drei weitere Menschen ums Leben gekommen. Mazlum Shingali, der Oberkommandierende einer jesidischen Miliz, die der PKK nahesteht, wurde laut dem Kommunikationswissenschafter bei dem Angriff schwer verletzt.

„Es handelt sich dabei um eine völkerrechtswidrige Aktion, da die türkische Luftwaffe auf dem Boden eines anderen Landes ohne Zustimmung der Regierung agiert hat“, so der Experte. Zudem habe es sich um eine gezielte, extralegale Tötung von politischen Aktivisten gehandelt, ohne Anklage oder fairen Prozess, fügte er hinzu. Die irakische Regierung habe den Angriff am nächsten Tag verurteilt, sagte Schamberger.

Da der Luftraum in dem Gebiet von den USA und dem Irak überwacht werde, hätte die Aktion jedoch nicht ohne deren Wissen stattfinden können, so der Forscher. Hinweise darauf waren auch in verschiedenen Medien zu finden. Am Tag zuvor soll es laut der Nachrichten-Website „Heise“ ein Treffen zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem irakischen Ministerpräsidenten Haider al-Abadi gegeben haben.

Das Online-Portal Middle East Eye (MEE) berichtete, dass nach Angaben eines türkischen Diplomaten der Angriff auf Shingali auf einen Hinweis des US-amerikanischen Militärs hin ausgeführt wurde. Die USA dementierten dies nicht. „Wir unterstützen die Türkei bei ihren gegen die PKK gerichteten Bemühungen auf verschiedene Arten“, sagte Pentagon-Sprecher Eric Pahon zu MEE. Die USA erkenne die Gefahr, die die PKK für die Sicherheit der Türkei darstelle, an, hieß es.

Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die in Europa auf der Liste terroristischer Organisationen steht, bekämpft seit 1984 den türkischen Staat und ist eine tragende Kraft der kurdischen Freiheitsbewegung. Diese schließt laut der Definition von Schamberger aber auch viele zivilgesellschaftliche, politische und militärische Organisationen ein, die der Weltanschauung von PKK-Gründer Abdullah Öcalan nahe stehen oder sich dieser verschrieben fühlen, wie zum Beispiel Sprach-, Kultur- oder Gedenkvereine.

„Aus meiner Perspektive findet in Nord-Syrien gerade eine fortschrittliche gesellschaftliche Umgestaltung statt“, sagte Schamberger. Träger des Prozesses seien Kurden und andere Minderheiten, auch aus dem Irak, so der Forscher, der die Region vor kurzem selbst besuchte.

Da das Shingal-Gebiet die Haupttransitroute von Aktivisten vom Nord-Irak nach Nord-Syrien sei, liege es nicht nur im Interesse der Türkei, diese abzuschneiden, sondern auch in jenem ihres Partners, den Vereinigten Staaten. „Obwohl die USA gemeinsam mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) seit 2015 den IS bekämpft, will Washington verhindern, dass von US-Interessen unabhängige Strukturen entstehen“, sagte Schamberger. Daher erlaubten sie zum Beispiel gezielte türkische Angriffe auf neuralgische Punkte der PKK und hohe Funktionäre der kurdischen Freiheitsbewegung.

„Bei der Zusammenarbeit der USA mit den Streitkräften der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) seit 2015 handelt es sich daher um eine taktische Zusammenarbeit, nicht um eine strategische“, so der Experte. Nachdem der IS als staatsähnliche Organisation in Syrien geschlagen sei, würden nun die Widersprüche unter den bisherigen Militärpartnern wieder aufbrechen. Der Angriff auf Shingali sei ein Ausdruck dessen. Schamberger erwartet des Weiteren heftige Dispute um Ölquellen.

„Die USA sind bestrebt, im Norden und Nordosten Syriens eine dauerhafte Präsenz aufzubauen. In drei Gebieten haben sie bereits Militärstützpunkte errichtet, in Kobane, Cizire und Deir Ezzor“, sagte Schamberger. Auf Dauer würden seiner Ansicht nach die Kurden diese jedoch nicht dulden, weshalb die USA versuche, einen Einfluss der PKK auf die Entwicklung in Syrien auf lange Sicht hin zu vermeiden. Dies werde nicht erreichbar sein, da die Verbindungen zu eng seien, nicht nur die personellen, sondern auch die weltanschaulichen, meinte der Experte.

Die USA streben laut Schamberger eine möglichst kostengünstige Besatzung an und setzen auf den Ausbau der Präsenz regionaler Kräfte. Zum Beispiel gebe es Gespräche zwischen den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien über die Entsendung saudi-arabischer Militärkräfte in die Region.“ Berichten zufolge will Saudi-Arabien 100 Millionen Dollar in den Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt Rakka investieren“, fügte er hinzu. Seiner Einschätzung nach würde auch die Präsenz Saudi-Arabiens von den Kurden niemals akzeptiert werden.




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