Letztes Update am Di, 16.10.2018 14:51

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Frauen „Im Blick“: Der zweite Roman von Marie Luise Lehner



Wien (APA) - Am kommenden Dienstag (23. Oktober) wird der Literaturpreis Alpha 2018 vergeben. Im Vorjahr gewann Marie Luise Lehner mit ihrem Debütroman „Fliegenpilze aus Kork“ die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung. Nun ist der zweite Roman der 23-jährigen Wiener Autorin erschienen. „Im Blick“ wird morgen im Literaturhaus Wien vorgestellt. Es geht um junge Frauen, ihre Selbstfindung und Fremdbestimmung.

Einen echten Romanplot sucht man, abgesehen vom Aufbau als Coming-of-Age-Geschichte, vergeblich. Doch das Thema ist von der ersten Seite an deutlich präsent und wird in atmosphärisch dichten Bildern und Situationen umkreist. „Im Blick“ haben sich die jungen Frauen einerseits selbst, überprüfen und vergleichen ihr Selbstbild, verfolgen die Veränderungen an ihren Körpern und registrieren sehr genau, wie sehr sich auch der fremde Blick auf sie dabei verändert. Es ist nämlich vorwiegend der männliche Blick auf sie, der ihre Rollen definiert, gesellschaftliche Zuschreibungen vornimmt, Grenzen setzt und Räume eng macht.

„Im Blick“ spielt hier und heute, im Wien unserer Tage. Das Buch beschreibt die Selbstfindung zweier selbstbewusster Mädchen in jeder Hinsicht, auch der sexuellen. Es gibt tausend, sich ständig verändernde Spielarten zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung, genauso fließend wie Geschlechterzuschreibungen. Alles ist möglich und Sex ein wichtiges Thema - Sex mit sich selbst, mit Männern und mit Frauen. Jeder Ausdruck von Zuneigung ist ein Signal, an den Partner, aber auch an die Umgebung. Bald steht die Erkenntnis: Ob Handlungen, Aussehen oder Ansichten homo- oder heterosexuell gedeutet werden können, macht einen enormen Unterschied. Und je älter die Freundinnen werden, desto mehr wird aus dem lockeren, unverbindlichen Spiel ein Kampf. Ein Kampf gegen alle Arten von Übergriffen.

Und so wird die Beschreibung eines zeitgenössischen Lebensgefühls allmählich zu einer Kampfschrift, die unmissverständlich endet. „Was wir nach außen tragen können, ist Wut. Eine Wut, die groß genug ist, um etwas zu verändern. / Der radikalste Ausdruck unseres Widerstands gegen die Masse an Übergriffen, die uns ständig passiert, ist unsere Solidarität untereinander.“ Was dann noch folgt ist eine Danksagung, die von den Suffragetten bis zu Pippi Langstrumpf, von Ulli Lust bis Judith Butler und von Björk bis zu „den Kämpferinnen der ersten, zweiten und dritten feministischen Welle“ reicht. Die vierte Welle rollt.

(S E R V I C E - Marie Luise Lehner: „Im Blick“, Kremayr & Scheriau, 192 Seiten, 19,90 Euro; Buchpräsentation morgen, Mittwoch, 17.10., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien, Wien 7, Seidengasse 13)




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