Letztes Update am So, 21.10.2018 08:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018 - Frauenwahlrecht: Bunte Wahlkuverts und eine Frauenpartei



Wien (APA) - Die heute übliche Wahltagsbefragung hat man sich erspart: Dank verschiedenfarbiger Kuverts bzw. Stimmzettel wusste man bei den ersten Stimmabgaben von Frauen sehr gut Bescheid über ihr Wahlverhalten. Die Ergebnisse enttäuschten zunächst die Sozialdemokraten, erklärte Tamara Ehs, Politikwissenschafterin an der Universität Wien, im Gespräch mit der APA.

Mit dem Beschluss des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren wurde auch die Altersgrenze beim allgemeinen Wahlrecht von 24 auf 20 Jahre gesenkt. Damit sollte jenen, die Kriegsdienst geleistet haben, auch der Urnengang ermöglicht werden. Die Christlichsozialen sowie die Deutschnationalen forderten, dass Frauen erst ab 30 Jahren wählen dürfen, denn sie waren, da viele Männer im Krieg gefallen waren, in der Mehrheit, erklärte Ehs. Frauen stellten 54 Prozent der Wahlberechtigten, eine Tatsache, die diese Parteien verunsicherte, fürchteten sie doch damit eine sozialdemokratische Mehrheit. Die Sozialdemokraten hatten das Frauenwahlrecht immerhin seit 1892 im Parteiprogramm.

Die höhere Altersgrenze für das weibliche Geschlecht setzte sich aber nicht durch- teils aber eine allgemeine Wahlpflicht, die der Landesgesetzgebung überlassen und in Tirol und Vorarlberg eingeführt wurde. Es zeigte sich, dass zwei Drittel hier 1919 ohnehin konservativ wählten. Wien und nach den Volksabstimmungen Kärnten sowie das Burgenland waren Ausreißer, die Frauen stimmten hier wie die Männer mehrheitlich für die Sozialdemokraten. Insgesamt bewahrheitete sich die Befürchtung der Konservativen nicht: Frauen wählten höchstens zu 40 Prozent die Sozialdemokraten, so die Politikwissenschafterin.

Das Wählerverhalten in der Ersten Republik lässt sich für die Sozialwissenschaft sehr gut nachvollziehen, denn während die Forscher heute auf Wahltagsbefragungen angewiesen sind, wurden damals unterschiedlich gefärbte Stimmzettel bzw. Kuverts verwendet. In der Vollzugsanweisung 1920 hieß es etwa: „Das Wahlkuvert wird für Männer aus lichtgrauem, für Frauen aus blaugrauem Papier hergestellt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden unterschiedliche Farben nur noch länderweise verwendet.

Zwar war das Frauenwahlrecht bereits beschlossen, eine Gruppe von Frauen war aber bei der ersten Wahl weiterhin nicht zugelassen: Prostituierte hatten - im Gegensatz zu ihren männlichen Freiern - vorerst kein Recht, den jungen Staat mitzugestalten. In die 1920 beschlossene Verfassung wurde das aber nicht übernommen.

Die unterschiedlichen Stimmzettel kamen zum Einsatz, um herauszufinden, ob Frauen tatsächlich überwiegend sozialdemokratisch wählen. Dem war allerdings nicht so. „Die Sozialdemokraten haben sich natürlich mehr erwartet, auch weil man Frauen den Weg in die Institutionen geebnet hat“, verwies Ehs etwa auf die ersten acht weiblichen Abgeordneten, von denen sieben Sozialdemokratinnen waren.

Die Wahlbeteiligung von Frauen war zunächst geringer als jene der Männer (1919: 82 bzw. 87 Prozent). Obwohl sie mehr Wahlberechtigte waren, nahmen sie das Recht weniger in Anspruch. Heute ist dieses Verhältnis ausgeglichen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Zahl der wahlberechtigten Frauen höher als jene der Männer. Ein Verhältnis, das heute ebenfalls ausgeglichen ist.

1929 wurde übrigens eine eigene Frauenpartei gegründet, ausgerechnet von einer Bürgerlichen. Es war dies Marianne Hainisch, Mutter des ersten Bundespräsidenten der Ersten Republik, Michael Hainisch. Bei den Sozialdemokraten versuchten die Frauen hingegen, innerhalb der Partei zu agieren, erklärte die Politikwissenschafterin. „Die bis 1934 bestehende Partei hat nie ein Mandat errungen, aber es gab sie zumindest. Auch beim ersten Frauen-Volksbegehren wurde die Gründung einer Frauenpartei erwogen“, so Ehs.

Schon vor der Einführung des Frauenwahlrechts waren manche Frauen wahlberechtigt. Im 19. Jahrhundert gab es auf Gemeindeebene das Zensuswahlrecht, geknüpft an den Grundbesitz. „Wer Grund und Boden hat, sollte auch mitbestimmen“, in der Praxis haben Frauen aber nie das Wahllokal betreten, sondern mussten ihren Stimmzettel dem Mann oder Sohn mitgegeben. Einzig reiche Witwen durften sich ausnahmsweise im Wahllokal aufhalten.

In der Ersten Republik wählten Frauen überwiegend konservativ, vor allem dort, wo eine Wahlpflicht bestand. Heute, wo man auf Wahltagsbefragungen angewiesen ist, konzentriere man sich eher auf Alterskohorten sowie Unterschiede im ländlichen oder urbanen Gebiet. Im städtischen Umfeld stimmen Frauen überwiegend links sowie für Parteien, die sich mit Frauenthemen beschäftigen. Ältere Frauen votieren laut Ehs überwiegend für die SPÖ - dies allerdings deshalb „weil es immer schon so war“ und sie mit der SPÖ sozialisiert wurden.

Auf Basis der Wahltagsbefragung zur Nationalratswahl 2017 lasse sich sagen, dass die Grünen im Nationalrat wären, wenn nur Frauen gewählt hätten. Die amtierende ÖVP-FPÖ-Bundesregierung hingegen wurde mehrheitlich von Männern gewählt, so Ehs.




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