Letztes Update am So, 21.10.2018 08:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018 - Frauenwahlrecht: Politik für Frauen oft eine „Ochsentour“



Wien (APA) - Gemessen am Bevölkerungsanteil, sind Frauen in der Politik weiterhin unterrepräsentiert. Schwierig ist es aber nicht nur, in diese Position zu kommen, sondern vor allem, sich darin zu halten. Das Jubiläum 100 Jahre Frauenwahlrecht zeigt für Politikwissenschafterin Birgit Sauer daher, wie wichtig Initiativen wie das zweite Frauen-Volksbegehren sind.

Alter, Geschlecht und Region spielen eine Rolle und auch die Sozialpartner und Bünde wollen bedient werden - die Rekrutierung in den Parteien ist immer ein schwieriges Aushandeln von unterschiedlichen Interessen, erklärte Sauer im Gespräch mit der APA. „Es geht um ein Aushandeln der Listenplätze und darum, welches Gesicht sich die Partei nach außen geben will.“ ÖVP-Obmann Bundeskanzler Sebastian Kurz, selbst sehr jung, hat es laut Sauer etwa geschafft, der Volkspartei ein jüngeres Gesicht zu geben und „skrupellos alte Herrschaften ‚kalt zu stellen‘“.

Die Entscheidung, in der Politik dann dran zu bleiben, ist für junge Frauen ein Machtkampf und eine Ochsentour in der Partei. Hinzu komme die Frage nach dem Kinderwunsch, wenngleich es heute nicht mehr so überraschend ist, wenn Politikerinnen Kinder bekommen. Dies sei aber mit einem hohen Aufwand verbunden und man müsse darum kämpfen, dass man die Position behält. Auch vom Vorzugsstimmensystem würden eher Männer profitieren, so Sauer.

„Politik ist für Frauen nach wie vor ein schwieriger Beruf, weil mit dem Privatleben schwer zu vereinbaren. Vieles läuft im informellen Raum, in Netzwerken außerhalb der Norm-Arbeitszeit. Es ist schwer, Karriere zu machen, da sagen sich viele: ‚Das will ich nicht.‘“ Das Berufsfeld müsste anders organisiert werden, etwa indem Sitzungszeiten begrenzt werden.

Für Wählerinnen sind Parteien dann attraktiv, wenn sie auf weibliche Führungskräfte und ein entsprechendes gleichstellungspolitisches Programm setzen. Wahlumfragen zeigen, mit einer höheren Chance auf Bildung sowie eigener Erwerbstätigkeit bilden sich Frauen eine eigene politische Meinung. Daher sei es auch wichtig, dass Parteien um Wählerinnen werben.

Nach Einführung des Frauenwahlrechts haben Frauen entgegen der Befürchtungen konservativer Parteien in der Tendenz konservativ gewählt. Erklären lässt sich das mit ihrer sozialen Position in den Familien. Auch haben sich Frauen damals am Status Quo orientiert und diejenigen, die an der Macht waren, bestätigt. Oder es wurde das gewählt, was auch der Ehemann oder Vater wählt. Seit den 70er-Jahren sei dies anders. Mit höhere Bildungschance und Berufstätigkeit lösten sich Frauen aus der männlichen Vormundschaft und wählten selbstständig.

Frauen wählten seit den 70er-Jahren dann eher Sozialdemokraten oder später Grüne, da sie mit ihren Programmen Frauen eher ansprechen. Mit der Modernisierung der ÖVP - Stichwort Bewegung, Jugend und Reißverschluss - habe der neue Obmann die Partei auch für eine jüngere weibliche Wählerschaft attraktiv gemacht.

„100 Jahre Frauenwahlrecht muss man schon feiern, weil es hart erkämpft wurde. Gleichzeitig ist in den 100 Jahren wenig passiert“, meint Sauer mit Blick auf den geringen Frauenanteil in der Politik sowie auf die frauenpolitischen Programme. Umso wichtiger seien Initiativen wie das zweite Frauen-Volksbegehren, um die Interessen von Frauen auf die politische Agenda zu setzen. „Insofern geht‘s sicher noch 100 Jahre kämpferisch weiter“, stellte sie fest.




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