Letztes Update am So, 21.10.2018 08:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018 - Frauenwahlrecht: Gesamter Wahlprozess männlich dominiert



Wien (APA) - Wie und wen wählen Frauen, diese Frage hat man sich seit Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren gestellt. Politologin Melanie Sully kommt zu dem Schluss, dass der gesamte Wahlprozess stark männlich dominiert ist - jüngstes Beispiel dafür ist die Nationalratswahl 2017.

Historisch betrachtet waren es auch international die sozialdemokratischen Parteien, die die Forderung nach dem Frauenwahlrecht unterstützt haben. Umso mehr war in England etwa die Labour Partei enttäuscht, als sich herausstellte, dass Frauen konservativ wählten, meinte Sully, Leiterin des Instituts Go-Governance in Wien: „Frauen haben eher die Partei ihres Mannes gewählt, also konservativ und traditionsgebunden. Das änderte sich erst im Lauf der Zeit, als man wegkam vom traditionellen Familienbild. Selbstbewusste Frauen wählten in England dann Labour. In Österreich dauerte es länger.“

Hier spielte Bruno Kreisky (SPÖ) und seine Politik eine Rolle. Seine Sozialpolitik öffnete die Tür für die politische Emanzipation vom Mann und der Familie, erklärte Sully. Heute bevorzugen Frauen in Österreich eher Parteien links der Mitte. Bei der Nationalratswahl 2017 wählten allerdings viele ältere Frauen ÖVP-Chef Sebastian Kurz, so Sully.

Bei diesem Urnengang haben Frauen und Frauenthemen wenig Medienaufmerksamkeit erfahren, stellte sie fest: „Es war ein eher männlicher Wahlkampf.“ Selbst die Zusammensetzung der Wahlbehörden war überwiegend männlich, verwies Sully auf Kritik im OSZE-Bericht.

Das ganze Umfeld einer Wahl, auch die Fernsehdebatten oder anschließende Analysen wie die Runde der Chefredakteure, sei von Männern geprägt. „Die Nationalratswahl war da keine Ausnahme“, meinte Sully. „Frauenpolitik hat im Wahlkampf 2017 so gut wie keine Rolle gespielt. Wenn, dann wurde über Familienpolitik diskutiert. Es gab keine Versuche, Frauenpolitik zu thematisieren. Neben dem Thema, wie Kurz etwas präsentiert, war nicht viel Platz für anderes“, stellte Sully fest. Bedauerlich findet sie, dass im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft Österreichs kein Schwerpunkt auf Frauen in der Politik gelegt wurde. Die schwedische Ratspräsidentschaft etwa habe 2009 diesen Schwerpunkt in ihr Programm aufgenommen.

Auch das System der Wahllisten und Vorzugsstimmen sei keines, das Frauen unterstütze. „Für die Wähler sind vor allem die Spitzenkandidaten wichtig. Für einen Vorzugsstimmenwahlkampf braucht es Zeit und Geld und die meisten Wähler stimmen für diejenigen, die sie in den Medien gesehen haben“, so Sully. Frauen punkten dann, wenn sie etwa aus einer bekannten Politiker-Familie stammen bzw. wenn sie gut vernetzt sind.

Um die Medienwirksamkeit von Frauen zu steigern, schlägt sie vor, dass Frauen in Analysesendungen nicht nur als Moderatorinnen, sondern auch als Expertinnen zu sehen sind. Auch sollten verstärkt die Möglichkeiten der Vorzugsstimmen kommuniziert werden. Generell fordert Sully eine andere politische Kultur, denn der aggressive Wahlkampf mit Dirty Campaigning schrecke Frauen ab. Zwar gebe es auch männliche Opfer in den Sozialen Medien, Frauen haben aber beim Gang in die Politik oft Angst, zur Zielscheibe zu werden: „Da muss man gegensteuern, damit sich Kandidatinnen wohlfühlen.“ Von den Parteien sollten Frauen mehr - finanzielle - Unterstützung für ihren Wahlkampf bekommen, etwa indem Transportmittel oder Kinderbetreuung zur Verfügung gestellt werden: „Das würde helfen.“




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