Letztes Update am So, 21.10.2018 09:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Fidelio“ in Baden: Befreiung zwischen Soap und Selfies



Baden (APA) - Eine Oper pro Saison ist am Stadttheater der Bühne Baden, wo sonst Operette und Musical beheimatet sind, schon Usus. Das Motto der Spielzeit 2018/19 lautet „Freiheit und Gefangenschaft“ - da liegt es nahe, dass Intendant Michael Lakner Beethovens „Fidelio“ angesetzt hat. Die Premiere am Samstagabend zeugte von achtbarem Wagemut, dessen Resultat zumindest Respekt zu zollen ist.

Viele geschwärzte Stellen weist die Menschenrechtserklärung auf, die vom Beginn der Ouvertüre an das mitunter zweigeschoßige Bühnenbild (Stefan Brandtmayr) nachhaltig dominiert. Die musikalische Seite der Produktion ist einigermaßen erfreulich. Franz Josef Breznik am Pult hält die Fäden meist zusammen, nur gegen Ende geht es bei der „namenlosen Freude“ etwas überbordend zu, und die Akustik hat bisweilen ihre kleinen Tücken.

Insbesondere Magdalena Renwart als Leonore, die erst zehn Tage vor der Premiere für die ursprünglich vorgesehene Miriam Portman eingesprungen ist, hält sich sehr wacker. Claudia Goebel als Marzelline macht sich ebenfalls stimmlich gut. Sie kann auch nichts dafür, dass an ihrem Arbeitsplatz - warum auch immer - eine Jukebox steht, sie sich zu deren Melodien wegtanzt, um dann per SMS an Fidelio Liebesnachrichten zu versenden. Die sonnenbebrillten Gefängnisaufseher machen Selfies von sich mit den Häftlingen, Rocco (Erik Rousi) mit Dutt im Blondhaar geht eher als Marzellines großer Bruder durch denn als Vater. Sehr präsent ist Sebastien Soules als böser Don Pizarro im dunklen Anzug.

Er sehe es als Verpflichtung an, „Fidelio“ als ein heutiges Stück zu inszenieren, erklärt Lakner im Programmheft. Dagegen wäre gar nichts einzuwenden, wenn das Vorhaben auch stimmig gelänge. Jukebox und Smartphone bilden allerdings keine gemeinsame Zeitebene. Auch enthält die Textfassung manchmal Formulierungen auf Soap-Level, wenn etwa Marzelline zu Rocco sagt: „Danke, Papa, du bist echt der Beste!“ Manchmal sollte man eventuell Stück und Publikum schlicht mehr vertrauen.

Sei‘s drum. Man nimmt auch in Kauf, dass die Gefangenen in ihren orangen Overalls aussehen wie MA48-Müllmänner, Guantanamo hin oder her, dass Florestan (Reinhard Alessandri) wie eine Mischung aus Jesus, Bob Marley und Rübezahl wirkt (die Dreadlocks fertigt offenbar ein Edelfigaro im Nobelknast an) und der Liveauftritt des Ministers (Thomas Zisterer) auf eine wackelige Videowall übertragen wird (Ministerauftritte sind eben heutzutage schwach). Dass die Schlussszene von einer Choreografie nah am Vogerltanz begleitet wird, stimmt allerdings doch befremdlich. Sieht so die Befreiung aus?

Insgesamt mögen die Vorbehalte nicht überwiegen. Lakners deklarierte Intention, gerade dieses Werk aufzuführen in einer Zeit, in der, wie er sagt, „totalitäre Systeme und Autokratien im Vormarsch sind“, beweist Haltung: „Nicht um zu belehren, sondern um wachzurütteln.“ Um unliebsame Systemkritiker verschwinden zu lassen, bedarf es heute gar keiner Kerker mehr, dafür genügt sogar ein Botschaftsgebäude, wie wir wissen. Und die Leonoren sind naturgemäß rar. Insofern - leider! - das richtige Stück zur Zeit.

Um gutes Klima bemüht ist die Bühne Baden auch anlässlich des 2019 bevorstehenden 110. Geburtstags des Stadttheaters: Eine Belüftungsanlage soll mittels Fundraising-Projekts ermöglicht werden. Alle Informationen darüber sind unter Tel. 02252/253253 sowie www.cooldown.buehnebaden.at erhältlich.

(S E R V I C E - Ludwig van Beethoven: „Fidelio“ in der Bühne Baden, Stadttheater. Regie: Michael Lakner, Musikalische Leitung: Franz Josef Breznik. Mit Thomas Zisterer, Sebastien Soules, Reinhard Alessandri, Magdalena Renwart, Erik Rousi, Claudia Goebl u.a.. Weitere Aufführungen bis 23. November, Information und Karten: Tel. 02252/22522, www.buehnebaden.at)




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