Letztes Update am So, 21.10.2018 14:23

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fall Khashoggi - Schutzschild für den mächtigen Kronprinzen



Istanbul (APA/AFP) - Auch nach dem Eingeständnis Saudi-Arabiens im Fall Khashoggi ist der Verdacht gegen den mächtigen Kronprinzen nicht aus der Welt: Mohammed bin Salman wird verdächtigt, die Ermordung seines Kritikers selbst angeordnet zu haben. Mit dem Eingeständnis, der Journalist sei bei einer „Schlägerei“ im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul zu Tode gekommen, will Riad den 33-jährigen Thronfolger nach Einschätzung von Experten aus der Schusslinie nehmen. Die meisten Experten gehen davon aus, dass er die Krise überstehen wird.

Saudi-Arabien hatte am Samstag unter massivem internationalen Druck zugegeben, dass der vermisste Jamal Khashoggi am 2. Oktober im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul getötet wurde. Zuvor hatte Riad 17 Tage lang vehement bestritten, dass der Regierungskritiker in dem Konsulat zu Tode gekommen sein könnte.

„Hier haben wir Saudi-Arabiens größtes Problem“, sagt der Nahost-Experte Michael Stephens vom britischen Royal United Services Institute. Die Unstimmigkeiten in den Erklärungen aus Riad hätten die Position der saudi-arabischen Führung „völlig unterminiert“. Weltweit zogen Regierungen und Diplomaten die saudi-arabische Darstellung denn auch in Zweifel und forderten weitere Untersuchungen.

Türkische und US-Medien hatten berichtet, Khashoggi sei von einem saudi-arabischen Killerkommando in dem Konsulat gefoltert und gezielt ermordet worden. Sie beriefen sich auf Tonaufnahmen, die türkischen Sicherheitskräften vorliegen sollen. Riad äußerte sich bisher auch noch nicht zum Verbleib von Khashoggis Leiche.

Die internationale Empörung hatte zu Spekulationen geführt, dass der in seinem Land nur MBS genannt Thronfolger von anderen Mitgliedern der Königsfamilie abgesetzt werden könnte. Experten halten dieses Szenario für unwahrscheinlich: Der Prinz, der schon länger als starker Mann Saudi-Arabiens gilt und ein ehrgeiziges Reformprogramm vorantreibt, hat mögliche Rivalen konsequent aus dem Weg geräumt und seine Machtposition so gefestigt, dass ihn eigentlich nur noch sein Vater, der 82-jährige König Salman, entmachten kann.

Danach sieht es bisher nicht aus: Am Samstag ordnete Salman per Dekret die Einrichtung einer Kommission an, die den Geheimdienst umbauen und dessen Befugnisse „genau“ festlegen soll - unter der Leitung des Kronprinzen. Diese Anordnung beweise, dass der König an der Thronfolgeregelung festhalte, erklärt die auf Risikoberatung spezialisierte Eurasia Group.

Der König, der die Tagesgeschäfte schon ganz an seinen Sohn abgegeben haben soll, musste sich aber zumindest persönlich in die Krise einschalten: Er telefonierte mit US-Präsident Donald Trump und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und empfing US-Außenminister Mike Pompeo in Riad.

Der König ordnete zudem die Entlassung von zwei engen Vertrauten des Kronprinzen an: Vize-Geheimdienstchef Ahmad al-Assiri und der königliche Medienberater Saud al-Kahtani, die zum inneren Zirkel um bin Salman gezählt werden, sind beide für ihr hartes Durchgreifen gegen unliebsame Kritiker berüchtigt.

Mit ihrer Entlassung will Riad „den Kronprinzen von dem Mord distanzieren“, wie die Eurasia Group meint. Näher werde die Affäre vorerst nicht an MBS herankommen, schätzt der Experte Kristian Ulrichsen von der US-Universität Rice. Ob die beiden Männer tatsächlich Schuld an Khashoggis Tod tragen oder nur als Sündenböcke herhalten müssen, ist allerdings unklar.

Zudem sollen noch weitere Verdächtige dem Umfeld des Kronprinzen angehören: Ein Verdächtiger namens Maher Abdulasis Mutreb begleitete den Kronprinzen laut der „New York Times“ bei mehreren Reisen, möglicherweise als Leibwächter. Drei andere Verdächtige werden demnach ebenfalls dem Sicherheitsdienst des Prinzen zugerechnet.

Laut Ulrichsen ist daher fraglich, ob die Affäre mit der Entlassung der beiden Berater ausgestanden ist: „Wenn weiter tröpfchenweise neue Einzelheiten bekannt werden, gibt es keinen Puffer mehr, um MBS zu schützen.“




Kommentieren