Letztes Update am Mo, 22.10.2018 08:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018: Älter als die Republik: Paula Lichtscheidl erinnert sich 1



Eisenstadt/Wien (APA) - Als Paula Lichtscheidl am 23. September 1917 in Eisenstadt zur Welt kam, tobte der Erste Weltkrieg. Inzwischen blickt sie auf 101 Lebensjahre zurück und ist damit älter als die Republik Österreich. Im Zweiten Weltkrieg arbeitete sie als Volksschullehrerin im bayerischen Berchtesgaden. 1945 erlebte sie den Bombenangriff der Alliierten zur Zerstörung von Hitlers „Berghof“ am Obersalzberg mit.

Im Gespräch mit der APA erinnert sich die rüstige Pensionistin an ihre Kindheit: „Die Pfarrgasse, das war unser Spielplatz.“ Als sie geboren wurde, habe es in Eisenstadt noch kein Auto gegeben. Die Nachbarn habe man damals alle gekannt. „Die Straße hat uns gehört, wir haben draußen Ball gespielt, wir haben Nachlaufen gespielt. Und bei allen Nachbarn sind wir drinnen gewesen. Ich war dauernd unterwegs.“

Nach der Volks- und Hauptschule besuchte Lichtscheidl das damalige Lehrerseminar für Frauen in Steinberg im Mittelburgenland. Nach Abschluss der Ausbildung seien im Burgenland offene Stellen für Volksschullehrerinnen rar gewesen. Deshalb habe sie sich gemeinsam mit einer Freundin, die ihr den Tipp dazu gab, nach München in den Schuldienst gemeldet.

In Deutschland waren bereits seit 1933 die Nationalsozialisten an der Macht. „Da haben wir ‚Umschulung‘ gehabt - also ‚Hitler kennenlernen‘“, beschrieb Lichtscheidl ihren ersten Kontakt mit dem Schulwesen in der NS-Diktatur. Im September 1938, nachdem Österreich bereits durch den „Anschluss“ dem Deutschen Reich einverleibt worden war, konnte sie als Lehrerin in Traunstein in Bayern zu arbeiten beginnen und unterrichtete in der ersten Klasse.

Dass sie sich während eines Aufenthalts im Burgenland auf Anraten ihres Vaters um einen Posten in der Heimat bewarb - in Mörbisch war gerade eine Stelle frei geworden - brachte ihr in Bayern eine Strafversetzung ein. Von ihrem neuen Schulleiter wurde sie mit den Worten begrüßt: „Was? Eine Frau kommt überhaupt nicht infrage - ich brauche einen Lehrer und keine Frau“, schildert Lichtscheidl.

Als Aushilfslehrerin ohne Fixanstellung, die es zu dieser Zeit in der Regel erst nach zwei Jahren gegeben habe, wurde sie bald erneut versetzt - nach Berchtesgaden. Dort unterrichtete sie anfangs die erste Klasse Volksschule und fand vorübergehend bei einer Kollegin in Königssee eine Bleibe. Bei Berchtesgaden befindet sich der Obersalzberg, wo sich damals oft Adolf Hitler und andere aus der Führungsriege der NS-Diktatur aufhielten. (Inzwischen gehört der Ortsteil Obersalzberg zum Markt Berchtesgaden, Anm.). Das Gelände im Bereich des Obersalzberges mit dem „Berghof“ war ab 1933 zum „Führersperrgebiet“ erklärt worden, das ohne besondere Genehmigung nicht mehr betreten werden durfte.

In Berchtesgaden habe sie zunächst auch einige Kinder vom Obersalzberg unterrichtet. Unter ihnen seien eine Tochter und ein Sohn von Julius Streicher sowie Kinder von Hitlers Vertrautem Martin Bormann gewesen. Am Obersalzberg habe es damals noch keine eigene Schule gegeben. Diese sei erst später eingerichtet worden. „Da wollten sie mich hinaufholen, ich bin aber nicht gegangen - und zum Hitler schon gar nicht.“

In Bayern habe man damals nicht mit „Heil Hitler“ gegrüßt, sondern „nur Grüß Gott“ gesagt, erinnerte sich Lichtscheidl. In der Schule hingegen habe man nicht „Grüß Gott“ sagen und auch nicht beten dürfen: „Der Schulleiter war ja durch und durch Nazi. Die Lehrerin, die vor mir in Berchtesgaden war, ist versetzt worden, weil sie mit den Kindern in die Kirche gegangen ist. Und die sind heimgekommen und haben es erzählt.“

Einmal habe sie am Obersalzberg, wo sich in dem nach Hitlers Vorstellungen errichteten Gebäudekomplex auch ein eigener Kinosaal befand, zu einer Filmvorführung gehen wollen. Eine Bekannte habe ihr damals gesagt, sie solle mit ihr mitgehen, „sie hat eh‘ zwei Ausweise“. Doch der Versuch blieb nicht unbemerkt, und Lichtscheidl wurde zur Gestapo gerufen. Schließlich habe sie einen eigenen Kino-Ausweis erhalten. Zur Nazi-Prominenz im Berghof habe sie aber „keine Verbindung gehabt“, betont Lichtscheidl.




Kommentieren