Letztes Update am Mo, 22.10.2018 08:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


1918/2018: Älter als die Republik 2 - Bomben auf den Obersalzberg



Eisenstadt/Wien (APA) - Schließlich übernahm Paula Lichtscheidl im nahen Oberau die Oberstufe der mit acht Stufen zweiklassig geführten Volksschule. Dort erlebte sie im März 1945 jenen massiven Bombenangriff mit, bei dem Flugzeuge der Alliierten die Einrichtungen der NS-Führung am nahen Obersalzberg schwer beschädigten.

Den ersten Alarm habe sie im Schulhaus erlebt und die meisten Schüler sofort nach Hause geschickt. „Ein paar, die zu weit gehabt haben, die habe ich in den Keller mitgenommen.“ Als ein weiterer Angriff begann, habe sie sich im Forsthaus befunden, das wie durch ein Wunder verschont geblieben sei: „Rings herum war alles abrasiert, aber das Haus wurde nicht beschädigt“, erzählt Lichtscheidl. „Das war ein Glück, dass ich das überhaupt überlebt habe.“ Der Obersalzberg selbst wurde durch das Bombardement schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Nach Kriegsende war Österreich in Besatzungszonen der Alliierten unterteilt. Weil im Burgenland, das in der Sowjetzone lag, die Russen gewesen seien, sei sie anfangs noch in Bayern geblieben. Mit einem Transport ging es schließlich zusammen mit einer Freundin ins steirische Hartberg, schildert Lichtscheidl.

Nun musste sie noch die Zonengrenze passieren. In einer siebenköpfige Gruppe, angeführt von einem Ortskundigen, sei man die ganze Nacht unterwegs nach Aspang gewesen. „In der Früh um fünf Uhr kommt auf einmal ein russischer Reiter, sagt: ‚Stopp‘ und hält uns das Gewehr an.“ Der Führer der Gruppe habe dann mit dem Rotarmisten verhandelt: „Ich habe nur gesehen, er hat mit dem Russen gesprochen und hat ihm etwas gegeben. Dann hat er gesagt, wir können weitergehen.“

Danach fuhr sie mit der Bahn nach Wiener Neustadt und weiter nach Ebenfurth. Das letzte Stück nach Eisenstadt ging Lichtscheidl zu Fuß: „Ich hatte Glück, dass ich keinem Russen begegnet bin“, erinnert sie sich. So kam sie schließlich nach Hause: „Eine Strapaze war es schon - aber ich war noch jung und konnte das.“ Sportlich sei sie schließlich gewesen: „Ich habe alle Geräte geturnt“, sie habe einem Sportverein angehört und sei Ski und mit dem Rad gefahren und Bergsteigen gegangen.

Nach dem Krieg bekam Lichtscheidl eine Stelle als Volksschullehrerin in Eisenstadt. In der vierten Klasse habe sie damals bis zur Teilung 54 Kinder gehabt. Mit 29 Jahren hatte sie geheiratet, ihr Mann war selbst Schuldirektor. Bis knapp vor ihrem 60er blieb Lichtscheidl im Schuldienst, dann ging sie in Pension.

„Wir sind lauter Eisenstädter“, blätterte sie in ihrem Ahnenpass, den sie während des NS-Regimes in Bayern benötigt hatte. Ihr Mann sei vom Zweiten Weltkrieg, während dem er an Gelbsucht erkrankte, und von der Gefangenschaft schwer gezeichnet gewesen. Als er mit 80 Jahren starb, war sie 73.

In der Pension habe sie viele Ausflüge gemacht - anfangs noch mit ihrem Mann und später mit den Kindern. Zu den Zielen gehörten etwa Paris, Italien, die USA sowie Mauritius und La Reunion. Auch mit einer Gruppe von früheren Kolleginnen habe sie sich jede Woche in einem Kaffeehaus getroffen, fügt Lichtscheidl hinzu: „Die Kolleginnen sind leider schon alle gestorben.“

Gefragt nach einer besonders schönen Zeit in ihrem Leben, erinnerte sich Lichtscheidl an ihre Hochzeit und die Geburt ihres Sohnes, aber auch an schöne Reisen. „Ich war gerne Lehrerin“ - auch, wenn der Vater eigentlich dafür gewesen sei, dass sie zu Hause bleibe.

Computer habe sie keinen, erzählt die Pensionistin: „So etwas fange ich gar nicht an. Wozu? Ich brauche es ja nicht.“ Auch ein Handy habe sie abgelehnt. Sie habe Telefon und Fernseher. Auch das Fotografieren habe sie mittlerweile aufgegeben. Eine andere Routine hat sie dafür beibehalten: „Am Freitag hole ich immer zwei Rätselhefte“.

(Das Gespräch führte Christian Gmasz/APA)

(A V I S O -Mit dieser Meldung wird die Gesprächs-Serie „Älter als die Republik“ beendet. Die bisherigen Meldungen finden Sie im AOM.)




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