Letztes Update am Mo, 22.10.2018 08:46

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1918/2018 - „Ein Jahrhundert Leben“: Hochbetagte erinnern sich



Wien (APA) - 25 Menschen, die älter als 100 Jahre alt sind, kommen in dem Buch „Ein Jahrhundert Leben. Hundertjährige erzählen“ von Wolfgang Paterno und Eva Walisch zu Wort. Dafür wurden zehn im Sommer 2017 für einen „profil“-Artikel geführte Gespräche mit weiteren „Zentenaren“ ergänzt. Im Epilog erfährt man, dass gleich sechs Gesprächspartner das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebt haben.

„profil“-Redakteur Paterno und die freie Journalistin Walisch haben die Gespräche zu Monologen in der Ich-Form montiert. Dadurch entstehen Erinnerungsflüsse, die bruchlos über weltgeschichtliche Ereignisse und private Einschnitte hinweggehen. „Es sind Lebensgeschichten über Freundschaft, Freude, Liebe, Humor, Disziplin, Glaube, Trauer, Gewalt, über Scheidewege und Nebensächlichkeiten, über die große Geschichte im kleinen Leben“, heißt es im Vorwort.

So unterschiedlich das Erlebte der 25 alten Menschen (darunter zwei, die auch in der APA-Serie „Älter als die Republik“ zu Wort kamen) auch ist, deutlich wird immer wieder: Wer so viele Jahre am Buckel hat, trägt sie meist tatsächlich als Last. „Niemandem wünsche ich, so alt zu werden“, sagt die 107-jährige ehemalige Opernsängerin Erika Wessetzky, für die Musik inzwischen wie Lärm ist. „Schön geht mein Leben nicht zu Ende“, bekennt der 101-jährige Walter Hipf, ein ehemals begeisterter Sportler, der inzwischen kaum mehr gehen kann. „Ich habe nichts mehr zu tun, als zu leben“, meint die 103-jährige Anna Rupar, die darauf wartet, dass ihr Herz zu schlagen aufhört.

Was kann man von diesen Hochbetagten lernen?, fragen sich ihre Interviewpartner. „Vielleicht dies: Wer das Leben mit offenen Armen empfängt, hat mehr davon. Freundschaft, Freiheit, Liebe und Lebensmut sind wichtig. Der Schlüssel zum Glück liegt in der Balance zwischen Arbeit und Entspannung, Familie und Freunden, Alleinsein, Träumen, Lesen und Nachdenken.“

Arbeit ist neben Familie das Thema, das in den sehr unterschiedlich langen Selbstaussagen den meisten Platz einnimmt. Immer wieder liest man: „Arbeit war mein Leben“, oder: „Ich habe immer viel gearbeitet.“ Der Zweite Weltkrieg hat in jedem Leben tiefe Spuren hinterlassen. „Über die Zeit des Nationalsozialismus reden, wie viele der noch lebenden Zeitzeugen, auch Hundertjährige nicht gern“, fassen Paterno und Walisch ihre Erfahrungen zusammen. Und meinen: „Als Gesprächspartner der Zentenare ist man darauf angewiesen, ihre Erinnerungen für bare Münze zu nehmen.“

Mitunter werden jedoch selbst vermeintliche Augen- und Ohrenzeugen von der Geschichtsforschung widerlegt. „‘Österreich ist frei!‘, Figls berühmte Worte auf dem Balkon des Belvedere, hörte ich aus nächster Nähe“, erinnert sich der 103-jährige Alfred Nagl, einst Referent von Leopold Figl. Der berühmte Satz ist jedoch nicht auf dem Balkon, wo Figl der jubelnden Menge den Staatsvertrag zeigte, sondern im Saal gefallen. Ein paar kleine Schritte für Nagl und Figl, ein großer Unterschied für die historische Genauigkeit.

(S E R V I C E - Wolfgang Paterno und Eva Walisch: „Ein Jahrhundert Leben. Hundertjährige erzählen“, Amalthea, 160 Seiten, 23 Euro)




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