Letztes Update am Mo, 22.10.2018 10:50

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahlkampf in Brasilien: Demonstration für Rechtsaußen Bolsonaro



Rio de Janeiro (APA) - „Ohne Blutvergießen wird es keine Demokratie geben!“, brüllt ein glatzköpfiger Mann auf einem Lastwagen ins Mikrofon. Die Menge jubelt. Sonntag früh, kurz nach 11.00 Uhr, ist die Stimmung an der Copacabana in Rio de Janeiro prächtig. Vorausgesetzt, man ist Anhänger des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Jair Bolsonaro. Dessen Unterstützer hatten unter dem Hashtag #NasRuasComBolsonaro (dt.: Auf die Straßen mit Bolsonaro) zu Demonstrationen in ganz Brasilien aufgerufen; und die Mengen strömten. Zwischen 40.000 und 50.000 dürften es alleine in Rio gewesen sein.

Bolsonaro liegt derzeit laut letzten Umfragen mit 59 Prozent der Wählerstimmen vorn - praktisch uneinholbar. Woher kam dieser Aufschwung? Vor nicht einmal zwei Monaten hatte es noch so ausgesehen, als würde der 62-jährige Ex-Fallschirmspringer zwar die Stichwahl erreichen, aber im zweiten Wahlgang scheitern - und zwar egal, wer ihm da gegenüberstehen würde.

Erklärungsansätze gibt es einige. Einen ersten deutlichen Sprung in der Wählergunst verzeichnete Bolsonaro, als er Anfang September bei einem Wahlkampfauftritt im Gliedstaat Minas Gerais von einem geistig Verwirrten mit einem Messer schwer verletzt worden war. Für seine Anhänger stand sofort fest: Schuld daran ist die Arbeiterpartei (PT). Dass dieser Vorwurf haltlos war, spielte - nachdem er hunderttausendfach in sozialen Netzwerken geteilt worden war - keine Rolle mehr.

Kurz drauf erhielt Bolsonaro mächtige Unterstützung von der evangelikalen Kirche Igreja Universal. Deren Gründer Edir Macedo, nicht nur oberster Bischof seiner Kirche, sondern auch schwerreicher Medienunternehmer, hatte die rund acht Millionen Mitglieder dazu aufgerufen, bei der Wahl für Bolsonaros Liste 17 zu stimmen. Eben jener Macedo, beziehungsweise einer seiner TV-Sender, war es auch, der Bolsonaro in einem Interview ausgiebig Zeit zur Selbstdarstellung überließ. Übrigens zeitgleich, während sich die anderen zehn Kandidaten beim größten TV-Sender Globo die letzte Debatte vor dem ersten Wahlgang lieferten. Seine Ärzte hatten von der Teilnahme abgeraten.

Gut möglich, dass es aber die große Zahl der Unentschlossenen ist, die die Kluft zwischen Bolsonaro und dem Widersacher Fernando Haddad hat kräftig anwachsen lassen. So verschieden die Motive für die Unentschlossenheit sein mögen - auf die PT und ihren inhaftierten Chef, Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva, als Feindbild kann man sich dann doch einigen.

Viele Brasilianer wollen einen Politikwechsel. Darum sehen sie in Bolsonaro, der mit Zweitnamen Messias heißt, ihren Heilsbringer. „Brasilien über alles, Gott über alles“ ist sein Motto, das sich an diesem Tag auf etlichen T-Shirts gedruckt wiederfindet. Viele der Fan-Hemden sind in den Farben gelb und grün, den Landesfarben Brasiliens.

Es sind aber auch die Farben der brasilianischen Fußballnationalmannschaft, die der Rechtsaußen längst vereinnahmt hat, für seinen Feldzug gegen die Arbeiterpartei Lulas, deren Farbe rot ist. „Unsere Fahne wird niemals rot sein“, ist darum ein weiterer Schlachtruf an diesem Tag.

„Das wichtigste für mich ist, dass endlich Schluss mit der Korruption ist“, sagt die dunkelhäutige Architekturstudentin Bianca auf Anfrage der APA. Auch sie trägt ein schwarzes Shirt mit dem Konterfei Bolsonaros. Dass er im Wahlkampf immer wieder gegen Schwarze, Indigene, Frauen oder Schwule gewettert hat, findet sie nicht schlimm. „Er wird das Volk einen“, ergänzt sie.

Dass Bolsonaro so etwas überhaupt gesagt haben soll, ist für Luiz Fernando Vernin „Fake News“, wie er sagt. Er wünsche sich eine starke Regierung, die endlich aufräume mit der Korruption und Gewalt. Ob er nicht fürchte, dass Brasilien wieder eine Diktatur bevorstehen könnte? Da schüttelt der Mann mit dem Rauschebart den Kopf: „Das war eine andere Zeit, das ist vorbei.“

Wie dieser Politikwechsel aussehen wird - für die Brasilianer scheint das klar: Die Korruption in der Politik beenden und die Wirtschaft ankurbeln. Wie er dies anstellen will, das hat Bolsonaro bisher noch nicht gesagt. Die TV-Debatten mied er stets, Wirtschaftsfragen reichte er immer gleich an seinem Schattenminister Paulo Guedes weiter.

In anderen Punkten wurde er konkreter: Eine Zugehörigkeit zur UNO hält Bolsonaro ebenso für entbehrlich, wie eine Mitgliedschaft im südamerikanischem Staatenbündnis Mercosur. Das Pariser Klimaabkommen werde er auch aufkündigen, das Umwelt- und Kulturministerium auflösen und die Amazonasregion zur Ausbeutung freigeben. An der Diktatur findet er nichts Schlimmes, nur hätte sie den Fehler gemacht zu foltern statt zu töten.

Und erst vergangenen Woche hatte die Zeitung „Folha de Sao Paulo“ einen Bericht veröffentlicht, wonach rund 150 Firmen Geld dafür gezahlt haben sollen, dass Bolsonaro einen Anti-PT-Feldzug über den Nachrichtendienst Whatsapp führen kann. Sollte an dem Vorwurf etwas dran sein, wäre dies eine illegale Wahlfinanzierung, das Ergebnis möglicherweise anfechtbar. Das oberste Wahlgericht hat Ermittlungen aufgenommen.

Es gibt auch einige, die vom Bolsonaro-Hype profitieren - an diesem Tag zumindest. Es sind die fliegenden Händler wie Jose Carlos, denen die Bolsonaro-T-Shirts an diesem Tag förmlich aus der Hand gerissen werden. „Er wird der größte Präsident in der Geschichte Brasiliens“, ist sich dieser sicher.

Die Stichwahl findet kommenden Sonntag (28.10.) statt. Im Falle eines Sieges wäre Jair Bolsonaro ab 1. Jänner 2019 Präsident von Brasilien.




Kommentieren