Letztes Update am Mo, 22.10.2018 11:28

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Internationale Pressestimmen zum Fall Khashoggi



Istanbul (APA/AFP/dpa) - Die Zeitungen schreiben am Montag zum Verhalten des saudischen Königshauses im Fall um den getöteten Regierungskritiker Jamal Khashoggi:

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Für jeden Schurken-Tölpel auf der Welt gilt eine Faustregel: Wenn du im Loch steckst, hör auf zu graben. Der saudische Hof um den Kronprinzen Mohammed bin Salman befolgt diesen simplen Ratschlag nicht. Die Erklärung zum Tod des Regimekritikers Jamal Khashoggi steckt voller Widersprüche und Lügen. Die Diagnose kann nur Einfalt oder gefährliche Allmachtsfantasie heißen. Jede neue Lüge macht das saudische Herrscherhaus auch aufs Neue angreifbar, jede Lüge treibt es weiter in die Isolation.“

„Die Welt“ (Berlin):

„Die neue Zeit besteht auch darin, dass die vielen Morde vor unser aller Augen - die Journalistin Anna Politkowskaja und der Politiker Boris Nemzow in Moskau, Kims Halbbruder in Malaysia, Sergej Skripal in England, der Journalist Ján Kuciak in der Slowakei - ein Fass zum Überlaufen bringen. Sollen Mafiamethoden in der Politik salonfähig werden? Im Fall Khashoggi spielt jemand ausgerechnet jemand wie Recep Tayyip Erdogan den Menschenrechtler. Das ist absurd. Die richtige Antwort wären Ermittlungen des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, mit Androhung von Haftbefehlen.“

„Frankfurter Rundschau“:

„Der verstörende Fall Kashoggi hat das Zeug, die Politik der beteiligten Akteure weiter zu verändern. Saudi-Arabien musste bereits auf internationalen Druck hin das Undenkbare tun und die Tötung des Regimegegners eingestehen. Zudem ist der arabische Kronprinz Mohammed bin Salman angeschlagen und muss um seine politische Zukunft bangen. Westliche Politikerinnen und Politiker können nicht einfach weitermachen wie bisher, weil zu viele Bürgerinnen und Bürger angewidert sind von der Bluttat des Königreichs. Auch deshalb muss die große Koalition mindestens das Versprechen im Koalitionsvertrag umsetzen und Riad keine Waffen mehr verkaufen. US-Präsident Donald Trump wird seine Nahostpolitik zwar nicht komplett ändern. Washington braucht Riad, um den Iran einzuhegen und für milliardenschwere Waffengeschäfte. Aber kaum noch jemand glaubt, dass Saudi-Arabien die politischen Verhältnisse in der Region stabilisiert. Die Geschichte ist also noch nicht zu Ende.“

„Lidove noviny“ (Prag):

„Der Tod des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi ist um eine Liga schlimmer als der britische Fall Skripal. (...) Wie soll der Westen darauf reagieren, wo er doch nach dem Angriff auf die Skripals russische Diplomaten ausgewiesen hatte. Wird Saudi-Arabien aus dem Klub derer ausgeschlossen, mit denen man redet? (US-Präsident) Donald Trump kritisiert Saudi-Arabien, will das Land aber nicht in die Ecke stellen. Daran ist etwas dran. Denn es ist wie die Wahl zwischen Cholera und Pest. Wer sagt, dass es Heuchelei sei, mit Saudi-Arabien weiter zusammenzuarbeiten, hat natürlich recht. Doch um wie viel mehr ist es Heuchelei, mit dem ebenfalls fundamentalistischen Iran zu kooperieren, der anderen Ländern mit der Vernichtung droht? Das Problem ist weiter gefasst: Wo findet man unter den muslimischen Ländern des Nahen Ostens auch nur ein Beispiel von Normalität?“

„La Croix“ (Paris):

„Die Verlegenheit ist spürbar im diplomatischen und wirtschaftlichen Milieu. Überall werden die von Riad abgegebenen Erklärungen für unzureichend gehalten. Der Tod von Jamal Khashoggi gilt als Zeichen für eine grausame und inkonsequente Herrschaft. Aber Saudi-Arabien ist kein Land, das man ohne Vorsicht belehrt. Es ist ein unumgänglicher Gesprächspartner im Nahen Osten, sein Kampf gegen den Iran erstreckt sich vom Libanon über den Jemen bis nach Afghanistan. Zudem ist das Land ein globaler Wirtschaftsakteur, Mitglied der G-20 und wegen seiner Mineralöl-Reserven mit bedeutenden Finanzmitteln ausgestattet.“




Kommentieren