Letztes Update am Mo, 22.10.2018 14:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Türkei - Expertin: System Erdogan schon jetzt gescheitert



Wien/Ankara (APA) - Nach Ansicht der türkischen Wissenschafterin Ayse Cavdar ist ein Zusammenbruch des Systems Erdogans nur eine Frage der Zeit. Schon jetzt zeige sich, dass die Regierung die Kontrolle - „über jegliche Lebensbereiche“ der türkischen Bevölkerung - verloren habe. „Das ist auch der Grund für die repressive Politik“, erklärte Cavdar am Montag im Gespräch mit der APA.

Von der aktuellen Lage ihres Heimatlandes zeichnet Cavdar, die sich anlässlich der Präsentation des Buches „Nach dem Putsch. 16 Anmerkungen zur ‚neuen‘ Türkei“ in Wien aufhielt, ein düsteres Bild. „Das Ausmaß an Misstrauen, Gewalt und Unterdrückung ist wirklich beängstigend.“ Die Politik sehe und verstehe die Probleme der Bevölkerung nicht, und die wirtschaftliche Lage sei am besten so zu umschreiben: „Sie ist wie ein kopfloses Huhn.“

Angesichts der verheerenden Situation müsse man eingestehen, dass die Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan gescheitert sei, so die Anthropologin und Autorin, die derzeit an der Philipps-Universität in Marburg tätig ist. Jeder merke, dass Erdogan das Land nicht regieren könne, so Cavdar.

Erdogans AKP sei von einer inklusiven Partei zu einer Partei geworden, die „verschiedene Segmente der Gesellschaft“ ausschließe, erklärt die Türkin. Das birgt ihrer Ansicht nach auch Möglichkeiten: In einer Krise liege die Hoffnung immer bei den marginalisierten Gruppen. Weil diese nicht Teil des aktuellen Problems seien, könnten sie zu einer Lösung beitragen, meint Cavdar, ohne erläutern zu wollen, wie eine solche aussehen könnte.

Keine der institutionalisierten Parteien kann aber ihrer Meinung nach den Umschwung einleiten. Dass dieser stattfinden wird, davon ist sie jedoch überzeugt: „Wir müssen einen Weg finden, um etwas zu verändern. Weil wir es uns anders gar nicht leisten können. Und weil die Türkei ja selbst nicht mit ihrem aktuellen Bild in der Weltöffentlichkeit zufrieden ist.“

Ähnlich Mithat Sancar, stellvertretender Parlamentspräsident in der Türkei und Abgeordneter der pro-kurdischen oppositionellen HDP: „Die Türkei kann mit dem aktuellen System nicht regiert werden“, sagt Sancar zur APA. Er sieht vor allem die Opposition am Zug. Sie müsse eine breite Allianz unter dem Motto „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ starten und sich für den gesellschaftlichen Frieden, der „gefährdeter denn je“ sei, einsetzen. Mittelfristig sei es „nicht unwahrscheinlich“, dass es zu einem Aufstand gegen das System Erdogan komme, auch wenn Proteste angesichts der derzeitigen politischen Situation „nicht einfach“ seien.

INFO: Cavdar und Sancar sind bei der Buchpräsentation „Nach dem Putsch. 16 Anmerkungen zur ‚neuen‘ Türkei“ am heutigen Montag, 22. Oktober, 19.00 Uhr, in der Hauptbücherei Wien - Am Gürtel, Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien, anwesend.




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