Letztes Update am Di, 23.10.2018 11:41

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Irgendwo in diesem Dunkel“ - Natascha Wodins bewegende Geheimnisse



Stuttgart (APA/dpa) - Mit ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“ gewann Natascha Wodin den Leipziger Buchpreis. Nun legt sie in der wie ein Krimi geschriebenen Geschichte um ihre Mutter nach. Diesmal geht es um den brutalen Vater - und um ihre eigenen intimsten Geheimnisse.

Leicht fällt es Natascha Wodin nicht, über ihre tragische Familiengeschichte zu schreiben. Nicht weil die Erzählung aus dem Alltag einer Familie ehemaliger Zwangsarbeiter aus dem Osten im Nachkriegsdeutschland so erschütternd wäre. Das ist sie fast in jeder Zeile ihres neuen Buches „Irgendwo in diesem Dunkel“. Der Titel beschreibt vielmehr, was so schwierig daran ist, das eigene Schicksal aufzuschreiben: Wie aus dem endlosen Schweigen der Eltern etwas über die eigene Herkunft ans Licht bringen?

Natascha Wodin, Tochter einer ukrainischen Mutter und eines russischen Vaters, hat sich mit ihrem Familiendrama „Sie kam aus Mariupol“ voriges Jahr den Leipziger Buchpreis erschrieben. Mancher Leser mag bedauert haben, dass die wie in einem Krimi mit detektivischem Gespür geschriebene Lebensgeschichte da endet – obwohl viele Fragen unbeantwortet sind.

Nun legt Natascha Wodin nach mit einem noch viel intimeren Buch, das für sich stehen kann. In „Irgendwo in diesem Dunkel“ geht sie einmal mehr auf Spurensuche, diesmal im Leben des Vaters. Eines Mannes, der im Würgegriff zweier Diktaturen – unter Stalin und Hitler – sich selbst und anderen keine Freiheit gönnt. Er überlebt den Selbstmord der Mutter seiner beiden Töchter um Jahrzehnte. An seinem Sarg erinnert sich Wodin an ihre harte Kindheit mit ihm.

Sie erinnert sich an präzise ausgeführte Schläge eines Mannes, der ihr immer fremd bleibt, kaum Deutsch lernt. Und doch kann er mit seinem hellen Tenor im Chor der Donkosaken auf Tourneen so viel Geld verdienen, dass die Familie davon lebt. Als er seine Stimme verliert, wird er immer mehr zu dem Mann, den sie hasst, ihm sogar den Tod wünscht. Aber wohl gerade diesem Vater verdankt sie es auch, dass sie Schriftstellerin geworden ist. „Immer war es auch sein Schweigen gewesen, gegen das ich angeschrieben hatte, das von Anfang an meinen Schreibzwang nährte“, erzählt sie im Buch.

Es gelingt Natascha Wodin, zumindest ein paar Lichtstrahlen in das Dunkel der Vergangenheit zu lenken. Sie, die zu Sowjetzeiten auch als Dolmetscherin oft in Moskau ist, schafft es, dort einen Bruder ihres Vaters ausfindig zu machen. Der weiß zwar vieles, behält es aus brüderlicher Verbundenheit aber für sich. Immerhin erfährt Wodin, dass ihr Vater in erster Ehe mit einer Jüdin zwei Kinder hat. Was mit ihnen im Krieg passiert, bleibt jedoch ein Rätsel.

Die im Buch um die Mutter ausführlich erzählte Zeit in der ukrainischen Stadt Mariupol, wo sich ihre Eltern - die Adlige und der Kommunisten-Hasser - kennenlernen, reißt sie diesmal nur an. Vergleichsweise kurz handelt sie ab, dass die beiden nach den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion vor der Roten Armee fliehen. Sie kommen als Ostarbeiter nach Leipzig in ein Arbeitslager. Lange dauert der Krieg aber nicht mehr. Wenige Monate nach dessen Ende kommt Natascha Wodin in Bayern zur Welt.

Zu dieser Zeit werden viele Arbeitssklaven zwangsweise in ihre Heimat zurückgeführt – wo sie Stalin als Vaterlandsverräter und Kollaborateure mit den Deutschen verfolgt. Wodin und ihre Eltern überleben in der Nähe von Nürnberg. Sie werden aber ausgegrenzt und gehasst von den Deutschen als feindliche Russen. Eindringlich schildert sie etwa Hetzjagden in der Schule und den Hass prügelnder Nonnen in ihrer Zeit in einem katholischen Mädchenheim.

Nichts aber trifft sie in den Kinderjahren so hart wie die Kälte des eigenen Vaters. Sie flieht schließlich, schlägt sich als hungerndes Straßenkind durch. Sie lügt, bettelt, stiehlt. Es ist ein Leben am Abgrund der Gesellschaft. Eine schmerzhaft beschriebene Vergewaltigung ist hier noch nicht das Ende erlebter Grausamkeiten.

An keiner Stelle verliert Natascha Wodin dabei ihren distanzierten, schonungslos offenen und stets nüchternen Ton – der vielmehr dem einer Beobachterin gleicht als der einer Betroffenen. Sie klagt nicht an, sie schildert Geschichte anhand menschlicher Schicksale. Ausgangspunkt dieser mikroskopisch genauen Selbstspiegelung mag zwar der Tod des Vaters sein. Aber wohl auch, weil sie selbst verzweifelt am Schweigen der eigenen Eltern, die ihre Lebensgeschichten mit ins Grab nehmen, offenbart sich Natascha Wodin am Ende ihren Lesern. Für ihren eigenen Teil der Familiengeschichte gibt die inzwischen 72-Jährige nun sogar ihre intimsten Geheimnisse preis.

(S E R V I C E - Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel, Verlag Rowohlt, 240 Seiten, 20,00 Euro)




Kommentieren