Letztes Update am Mi, 24.10.2018 13:32

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Haus der Geschichte - Das inhaltliche Konzept: An Themen orientiert 1



Wien (APA) - Sieben Bereiche umfasst „Aufbruch ins Ungewisse - Österreich seit 1918“, die Eröffnungsausstellung im Haus der Geschichte Österreich (hdgö). Im Gespräch mit der APA erläutern Birgit Johler und Georg Hoffmann das kuratorische Konzept, das „die zwei Republiken, die zwei unterschiedlichen Diktaturen und einen Weltkrieg aus neuen Perspektiven beleuchten“ soll.

Die Zäsur des Jahres 1918 sei bald als Startpunkt der Ausstellung festgestanden, schildern die beiden Kuratoren. „Wir wollten dabei eine neue Perspektive entwickeln und nicht diese Erzählung von ‚Der Rest ist Österreich‘ und dem daraus abgeleiteten Trauma weiterführen“, sagt Johler. Von dort ausgehend habe man sich verschiedenen Fragestellungen widmen wollen, die sich aus der genauen Auseinandersetzung mit den Gründungsjahren der Ersten Republik abgeleitet haben - von Wirtschaft und Politik über Grenze und Grenzerfahrung bis zum Kampf um gleiche Rechte. „Das sind alles Themen, die uns auch in der Gegenwart bewegen.“ Deswegen sei rasch klar gewesen, dass man thematisch arbeiten wolle. Ausnahme ist eine 60 Meter lange Zeitleiste, die „als chronologischer Handlauf“ die Besucher begleiten soll, „als Orientierung, aber auch als spezifische Diskussion um Bilder“ (Hoffmann).

Die Frage nach dem angeblich fehlenden großen Narrativ der Ausstellung hat im wissenschaftlichen Beirat zu zwei Rücktritten geführt. Es habe eine lange Diskussion gegeben, erzählen die Kuratoren. Statt eine einzige Erzählung zu den vergangenen 100 Jahren wolle man unterschiedliche Zugänge und eine andere Erzählweise anbieten, die durch die Frage der Demokratieentwicklung und ihrer Brüche verbunden seien. „Schauen Sie, es gibt viele Wege, sich mit diesem ambivalenten Jahrhundert auseinanderzusetzen, jede Ausstellung geht ihren eigenen Weg. Wir haben uns für sieben Themen entschieden, jeder Bereich funktioniert für sich“, ergänzt Direktorin Monika Sommer. „Die gemeinsame Schnittmenge ist die Demokratie - und der dramatische Weg in die Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und den NS-Terror.“

Der modulartig aufgebaute erste Raum der Ausstellung trägt den Titel „Hoch die Republik“. „Das ist unser Auftaktraum, der die BesucherInnen in die Zeit zurückführen soll“, sagt Johler: „Mit dem 12. November 1918 ändert sich vieles. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Republik eröffnen sich viele neue Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Es eröffneten sich mehrere Optionen in diesem Aufbruch ins Ungewisse.“ Thematisiert werden sozialen Herausforderungen, die Frage, wie die neuen politischen Akteure mit dem Erbe der Habsburger oder den vielen Heimkehrern und Kriegsinvaliden umging, aber natürlich auch der Paradigmenwechsel von der Monarchie zur Demokratie. Erstmals werden gleiche, geheime, direkte Wahl abgehalten, erstmals sind auch die Frauen wahlberechtigt. Wesentliche Aufmerksamkeit gilt dabei den „Spannungen unter den unterschiedlichen Akteuren“ und dem Umstand, dass weder Namen noch Umfang des neuen Staates festgezimmert sind. In der anfänglichen „Republik Deutschösterreich“, später aber auch in einzelnen Bundesländern gibt es klare Anschlussbestrebungen an Deutschland, die erst durch den Vertrag von Saint Germain beendet werden. „Die großen Themen werden im ersten Raum aufgemacht und in den folgenden Räumen wieder aufgegriffen“, sagt Hoffmann.

Der Themenbereich „Wunder Wirtschaft?“ fragt nach den wechselvollen Beziehungen von Ökonomie, Politik und Alltag. „Der Mythos vom Wirtschaftswunder findet sich in der Ersten und auch in der Zweiten Republik. Die Überschrift ist nicht ohne Grund mit einem Fragezeichen versehen“, schildert Georg Hoffmann. „Der erste Schwerpunkt liegt auf den 1920er- und 30er-Jahren: Kernthese ist das lange Nachwirken des Ersten Weltkrieges in wirtschaftlicher Hinsicht und das Wechselspiel zwischen Wirtschafts- und Demokratiepolitik. Die zweite These thematisiert die Wurzeln des Wirtschaftswunders der Zweiten Republik. Österreich kann dabei auf eine Grundstoffindustrie aufbauen, die letztlich in dieser Form in der NS-Zeit mit Zwangsarbeit geschaffen wurde.“ Auch aktuelle Diskussionen wie die um die „Trümmerfrauen“ werden hier aufgegriffen.




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