Letztes Update am Mi, 24.10.2018 13:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Haus der Geschichte - Inhaltliches Konzept 2: Symbol Waldheim-Pferd



Wien (APA) - „Diktatur, NS-Terror, Erinnerung“ heißt einer der zentralen Bereiche in der Ausstellung. „Es geht ab 1933/34 um die Grundfrage, wie Demokratie derartig rasch zerstört und Diktatur aufgebaut werden konnte“, sagt Georg Hoffmann. Für die Zeit des Nationalsozialismus „ist natürlich das Jahr 1938 ein sehr relevantes - mit dem ‚Anschluss‘ und der Etablierung eines Terrorregimes“.

„Und dann zeigen wir, wie die Republik bis in die Gegenwart hinauf mit dieser Vergangenheit umgeht. Hier ist das Waldheim-Pferd ein zentrales Objekt - es steht bei uns für den deutlichen Bruch in der österreichischen Diskussion um Erinnerung und Mitverantwortung.“ Die 30er-Jahre sind weiterhin jener Bereich der österreichischen Geschichte, der für die heftigsten Diskussionen sorgt. „Wir thematisieren die Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur und setzen sie deutlich ab von der Zeit des NS-Terrors. Wir machen auch einen gesamteuropäischen Kontext auf und beleuchten die Entwicklung faschistischer Diktaturen und Systeme“, erklärt Hoffmann.

Zu welcher Bezeichnung hat man sich im hdgö für die Jahre 1933 bis 1938 nun entschlossen? „Das war tatsächlich einer der Kernpunkte, über den intensiv diskutiert wurde. Nachdem letztlich auch innerhalb des Beirates, wo wir Begrifflichkeiten durchdiskutiert haben, keine Einigung erzielt worden ist, haben wir uns für die Verwendung des Begriffs Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur entschieden. Das ist ein Begriff, der noch immer in Diskussion ist, und genau darauf gehen wir auch ein. Es wird daher eine Installation geben, die fünf Begriffe, die im Laufe der Zweiten Republik für diese Zeit verwendet wurden, zeigt und gleichzeitig jeden Begriff problematisiert: Woher kommt er? Aus welcher Zeit stammt er? Was thematisiert er? Was blendet er bewusst aus?“ Diese Begriffe sind Ständestaat, Austrofaschismus, Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur, Kanzlerdiktatur und autoritärer Ständestaat. Ein Schluss der Debatte sei noch nicht absehbar, sagt der Historiker. „Dazu sind die Sichtweisen und Blickwinkel noch zu unterschiedlich. Und wir machen deutlich, dass wir uns auch heute mit dieser Phase der österreichischen Geschichte zu beschäftigen haben.“

Deutlich konsensfähiger ist dagegen das Kapitel „Das ist Österreich!?“, das Entstehung und Wandel des Österreich-Bewusstseins gewidmet ist. „Wir gehen von der Prämisse aus, dass Österreich so vielfältig ist wie seine BewohnerInnen, aber dass es immer Bemühungen und Bestrebungen gegeben hat, eine Einheit herzustellen“, sagt Birgit Johler. „Das dient einerseits natürlich der Herstellung eines Wir-Gefühls, andererseits aber auch der Abgrenzung und dem Ausschluss.“ Thema sind dabei etwa die Bundeshymne samt Töchter-Söhne-Diskussion, der Blick auf die Alpen und ihre Nutzung, aber auch der Wandel von identifikatorischer Architektur vom Barock hin zu „Wien um 1900“.

Unter dem Titel „Grenzen verändern?“ gehe es „darum, wie sich Grenzwahrnehmungen im Verlauf dieser 100 Jahre verändert haben und wie unterschiedlich sie diskutiert werden. Da ist der Zugang letztlich ein geografischer: Wir haben für jedes Bundesland einen Ort ausgewählt und thematisieren diesen zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten“, erläutert Kurator Hoffmann. So ist etwa der Brenner im Jahr 1963 bei der Eröffnung der Europa-Brücke „eine der Vorzeige-Grenzen Österreichs Richtung Europa“ und dient schon bei der Südtirol-Krise als Bollwerk. In Klingenbach trifft man auf den damaligen Außenminister Alois Mock und seinen Bolzenschneider, Spielfeld wird als aktueller Bezugspunkt der Flüchtlingskrise sowie beim Slowenien-Krieg 1991 gezeigt, Hohenems als einer der zentralen Grenzorte jüdischer Flucht. Kollerschlag im oberen Mühlviertel war dagegen 1934 Schauplatz eines Überfalls der Österreichischen Legion mit einigen Todesopfern „und ist damit zu einem zentralen Ort des österreichischen Opfermythos geworden“. Hier finden sich auch einige künstlerische Positionen, etwa eine Arbeit zur Kärntner Grenze von Nicole Six & Paul Petritsch. Kunst und Kultur ist kein eigenes Kapitel gewidmet. Künstlerische Arbeiten seien integraler Bestandteil der Ausstellung, erläutern die Kuratoren.

Das Schlusskapitel „Gleiche Rechte?!“ soll von zivilgesellschaftlichem Engagement und Formen des Protests erzählen. „Ursprünglich war es das Konzept, dass wir hier feministische Kämpfe zum Thema machen. In den Diskussionen mit dem 34-köpfigen Publikumsforum und dem wissenschaftlichen Beirat haben wir das Konzept verändert und erweitert. Wir haben es geöffnet für den Kampf um gleiche Rechte von Personen und Personengruppen, die um die Anerkennung kämpfen mussten, dazu gehören MigrantInnen ebenso wie z.B. Menschen mit Behinderung“, sagt Birgit Johler. Diese Gleichstellungskämpfe werden auf Leinwänden thematisiert. „Wir wollen zeigen: Der Kampf um gleiche Rechte ist nicht abgeschlossen. Demokratie ist so lebendig wie die Bürgerinnen und Bürger.“

Als Pendant zur Tribüne des Auftakts, auf der man das Geschehen des Jahres 1918 verfolgen kann, gibt es hier ebenfalls eine Tribüne, auf der man diskutieren kann und Interviews zu sehen bekommt, bei denen „ausgewählten Personen, die heute solidarisch handeln“ zu Wort kommen. Den Schluss macht eine Wand, an der Besucher dazu eingeladen werden, ihre Antworten zu hinterlassen auf die Frage: „Wozu lohnt es sich zu kämpfen?“ Johler: „Wir sind schon gespannt, was da hinterlassen wird.“ Aus räumlichen Gründen landet der Besucher jedoch in einer Sackgasse. Um die Ausstellung zu verlassen, muss man die ganze 100-jährige Republikgeschichte zurückgehen. „Das gibt aber auch die Möglichkeit, noch einmal andere Dinge zu entdecken“, ist die Kuratorin überzeugt.

Das ist dann vielleicht jener Moment, wo die begleitende 60-Meter-Bildwand tatsächlich zum interaktiven Display wird. „Das begehbare Regal ist ein Versuch, eine Bildinstallation zu schaffen, die zwei scheinbar unvereinbare Dinge zusammenbringt: eine chronologische Übersicht und gleichzeitig ein innovativer Blick auf die österreichische Zeitgeschichte“, erklärt der dafür zuständige Web-Kurator Stefan Benedik. „Unsere Idee war es, ein Interface zu bauen. Eine Schnittstelle zwischen dem Digitalen und dem materiellen Raum.“

Dabei wolle man nicht nur Orientierung geben, sondern auch „zeigen: Was Geschichte ist, ist eine Entscheidung. Und da sollen auch die Besucher zu Wort kommen. Vieles in der Ausstellung ist veränderbar, die Besucher können ihre Fußabdrücke hinterlassen. Sie können den nächsten zeigen, welche Perspektive sie auf ein bestimmtes Ereignis haben. Das funktioniert digital genauso wie analog. Wir zeigen, dass Geschichte etwas Prozesshaftes, nichts Statisches ist und laden zur Mitgestaltung ein. Wir haben ja auch einen Auftrag, als Diskussionsforum zu fungieren und diese Diskussionen sollen auch in der Ausstellung stattfinden und nicht nur in Veranstaltungen, wo wir diesen Raum sowieso aufmachen.“

(S E R V I C E - „Aufbruch ins Ungewisse - Österreich seit 1918“, Ausstellung im Haus der Geschichte Österreich (hdgö), Neue Burg, Heldenplatz, 10. November 2018 - 17. Mai 2020. Eröffnung: 10. November, 11 Uhr; www.hdgoe.at)




Kommentieren