Letztes Update am Mi, 24.10.2018 13:44

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festspiele Erl: Zukunft ohne „Erlkönig“, aber mit Regieversprechen



Erl/Wien (APA) - 2024 wird es in Erl eine neue „Götterdämmerung“ geben - als Abschluss eines vollen, 2021 startenden „Ringes“ von Regisseurin Brigitte Fassbaender. Eine Götterdämmerung hat man aber auch jetzt schon hinter sich. „Erlkönig“ Gustav Kuhn ist gestürzt, die Zukunft bringt mit Bernd Loebe viel Erfahrung und ein Regieversprechen: Im Gegensatz zu Kuhn gilt Loebe als ausgemachter Regietheaterfreund.

Er habe die Befürchtung gehört, dass ohne Kuhn die „Magie“ der Festspiele Erl abhandenkommen werde, berichtet Loebe bei seiner heutigen Vorstellung als Intendant ab September 2019. „Da mag etwas dran sein. Ich bin aber immer hellhörig, wenn ich so etwas höre. Es gibt eine Partitur und es gibt einen Dirigenten.“ Die Magie stelle sich manchmal ein, und manchmal nicht. Die Legende um den charismatischen Anführer, der sich nicht selten als übergriffiger Despot entpuppt, für den künstlerischen Erfolg aber unverzichtbar ist, dürfte im neuen Chef keinen Gläubigen gefunden haben.

Dafür hat sich Loebe, der die Frankfurter Oper, die er weiterhin leiten wird, mehrfach zum „Opernhaus des Jahres“ gebracht hat, einen Namen als Verfechter einer modernen Musiktheaterästhetik gemacht. Mit seiner Regentschaft in Frankfurt wie zuvor in Brüssel sind Regienamen wie Christof Loy, Keith Warner oder Claus Guth verbunden. Das dürfte für Erl, wo der regiefeindliche Kuhn auch als Regisseur werkte - im Sinne eines Opernerlebnisses, das von der Inszenierung möglichst unbehelligt bleiben soll - einen Paradigmenwechsel bedeuten. Wenn auch mit Vorsicht. Ihm sei bei seiner Zusage noch nicht klar gewesen, wie limitiert die technischen Möglichkeiten des Festspielhauses sind, gab Loebe heute zu.

Neben der Erhaltung der musikalischen Qualität werde der Spielraum für Musiktheater daher nach Maßgabe zu erweitern sein. Die Regisseure würden in ihrer Fantasie gefordert sein und „gefragt, auf ein Urelement ihrer Arbeit zurückzugreifen, nämlich die Personenregie“. Gemeinsam mit dem Vorhaben, „hoffnungsvolle Sänger“ und „hochbegabte Dirigenten“ am Anfang ihrer Laufbahn zu verpflichten, lässt dies durchaus Hoffnung zu, dass sich Erl nach dem Skandal neu erfinden könnte.

Der wird freilich noch massive Nachwehen produzieren. Denn die Vorwürfe beziehen sich nicht nur auf einzelne Übergriffe, die von Opfern mittlerweile namentlich zur Sprache gebracht werden und sie beziehen sich nicht nur auf arbeitsrechtliche Verstöße, zu denen um die hundert Strafverfahren anhängig sind. Selbst wenn die Untersuchungen der Gleichbehandlungskommission ergebnislos bleiben, selbst wenn strafrechtlich relevante Vorwürfe gegen Kuhn verjährt sind, selbst wenn der Landesrechnungshof keine gröberen Ungereimtheiten in der Gebarung der Festspiele findet und sich die Verdachtsmomente wegen arbeitsrechtlicher Belange nicht erhärten: Die Vorwürfe haben Schlaglichter auf ein System geworfen, das offenbar von seinen Anfängen an an strukturellen Ausbeutungsmechanismen aller Art gekrankt hat. Nur wenn es Loebe und den Festspielen gelingt, diese Mechanismen glaubhaft als Teil eines „System Kuhn“ zu entlarven und sie ebenso zu stürzen wie seinen Alleinherrscher, wird Erl als Österreichs „Grüner Hügel“ eine Zukunft haben.




Kommentieren