Letztes Update am Mi, 24.10.2018 13:47

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Brasilien vor Umbruch - Rechtsextremer Bolsonaro greift nach Macht



Brasilia (APA/AFP/Reuters/dpa) - Rund 147 Millionen Brasilianer sind am kommenden Sonntag (28.10.) zur Wahl ihres neuen Staatsoberhauptes aufgerufen. Dem Rechtsaußen-Kandidaten Jair Messias Bolsonaro scheint das Präsidentenamt kaum mehr zu nehmen sein: Aktuelle Umfragen sehen den Ex-Militär derzeit bei mindestens 57 Prozent - sein Konkurrent Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei (PT) käme demnach höchstens auf 43 Prozent.

Schon in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 7. Oktober musste sich Haddad Bolsonaro klar geschlagen geben: Der Rechtsaußen-Kandidat kam auf rund 46 Prozent und landete damit weit vor dem Zweitplatzierten PT-Kandidaten mit rund 29 Prozent. Bolsonaro holte vor allem Stimmen aus den reicheren, gebildeteren und bessergestellten Regionen im Süden und Südosten des Landes, Haddad punktete hingegen primär bei der ärmeren Bevölkerung, bei Frauen und insbesondere im weniger wohlhabenden Nordosten des Landes.

Bolsonaro provoziert immer wieder mit abfälligen Bemerkungen über Frauen, Schwarze und Schwule sowie mit extremistischen Parolen und seiner Sympathie für die Militärdiktatur (1964-1985). Die Mitgliedschaft in der UNO hält der „Donald Trump Brasiliens“, wie er auch gerne genannt wird, genauso entbehrlich wie den Staatenbund Mercosur oder das Pariser Klimaabkommen. Allerdings profitiert er viel von der Wut der Wähler auf die von Korruptionsskandalen belastete traditionelle Politelite. Außerdem kommen seine Forderungen nach einem harten Durchgreifen gegen Kriminelle angesichts der ausufernden Gewalt im größten Land Lateinamerikas gut an. Die einst boomende Wirtschaft liegt noch dazu brach.

Die PT muss sich unterdessen vor allem mit Korruptionsskandalen herumschlagen. Mit Ausnahme der vergangenen zwei Jahre stand mit Luiz Inacio Lula da Silva und Dilma Rousseff seit 2003 die linke Partei an der Spitze des Landes. Der frühere Langzeitpräsident Lula ist nach wie vor beliebt; in Umfragen vor den Präsidentschaftswahlen lag er sogar vor Bolsonaro. Lula befindet sich allerdings wegen Korruptionsvorwürfen hinter Gitter, der Versuch doch noch bei den Wahlen kandidieren zu können, scheiterte letztendlich. Ersatzkandidat Haddad, der frühere Bürgermeister der Millionenmetropole Sao Paulo und ehemalige Bildungsminister, hatte nur einen Monat Zeit für den Wahlkampf.

Haddad gibt sich trotz seiner beinahe aussichtslosen Umfrageergebnisse dennoch kämpferisch. Er wirbt wie schon seine Vorgänger mit Sozialprogrammen, Steuererhöhung für die Reichen und Steuersenkungen für die Armen. Mit Blick auf seinen Konkurrenten sagte Haddad zuletzt, er wolle den „Faschismus“ in Brasilien verhindern. Bolsonaros Pläne würden „wirklich Angst machen“. Dem Rechtsaußen-Kandidaten wirft er zudem unrechtmäßige Wahlkampfhilfen vor. Bolsonaro soll über den Nachrichtendienst Whatsapp von Unternehmen Falschinformationen verbreiten lassen, um Wähler zu manipulieren. Die Bundespolizei ermittelt. Die Vorwürfe wiegen schwer: In Brasilien ist eine Wahlkampffinanzierung durch Unternehmen verboten. Bolsonaros Anwalt wies die Vorwürfe umgehend zurück.

Nachdem er Anfang September von einem geistig Verwirrten mit einem Messer schwer verletzt worden war, kam er nicht mehr vollständig in den Wahlkampf zurück. Trotz allem, seine Beliebtheit scheint ungebrochen. Erst am Sonntag gingen Tausende Anhänger Bolsonaros auf die Straße - alleine in Rio de Janeiro dürften es bis zu 50.000 Menschen gewesen sein. Aber auch mächtige Unterstützer wie die evangelikale Kirche Igreja Universal und schwerreiche Medienunternehmer konnte er hinter sich versammeln. Im Falle eines Sieges wäre Bolsonaro ab 1. Jänner 2019 Präsident von Brasilien.

Die Anzahl der Unentschlossenen ist hoch. In Brasilien besteht Wahlpflicht.




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