Letztes Update am Mi, 24.10.2018 14:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nigeria: Bevölkerungsreichstes Land Afrikas mit Chance für Österreich



Wien/Lagos (APA) - Nach sieben Jahren als Österreichs Wirtschaftsdelegierte in der nigerianischen Hauptstadt Lagos hat Nella Hengstler am Mittwoch im Gespräch mit Journalisten Bilanz gezogen. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas biete durchaus Chancen für heimische Exporteure. Wichtig seien engagierte Exportmanager und ein guter Partner vor Ort, meinte sie.

Europäische Produkte hätten in Nigeria einen sehr guten Ruf als hochqualitative Erzeugnisse, wären aber meist zu teuer und oft auch zu kompliziert für die örtlichen Bedürfnisse. Hingegen gälten chinesische Produkte als weniger gut, aber eben billig, und würden daher viel gekauft, erläuterte sie.

Chinas wirtschaftlicher Vormarsch in Afrika zeige sich auch in Nigeria, wo die Chinesen beim Ausbau der Infrastruktur - Straße und Bahn - sehr aktiv seien. Ganze chinesische Bautrupps, wie etwa in ostafrikanischen Staaten, gebe es in Nigeria allerdings nicht, nur die Manager und Vorarbeiter bei den von China vorangetriebenen Bauvorhaben kommen auch von dort.

In Nigeria gibt es laut Hengstler mehr Handy-Nummern als Einwohner: Über Mobilfunk und FinTechs wickeln immer mehr Nigerianer ihre Finanztransaktionen ab. Das Handy stehe immer mehr im Mittelpunkt der wirtschaftlichen Transaktionen - auch weil die Stromversorgung in dem afrikanischen Land immer noch große Defizite aufweise. Die - vorwiegend aus China stammenden - Handys werden daher in entlegeneren Gebieten oft mit Solarstrom aufgeladen.

Von den rund 190 Millionen Einwohnern Nigerias leben auch nach offiziellen Zahlen rund 60 Prozent unter der Armutsgrenze. Demgegenüber stehe eine Gruppe von Superreichen, und eine schwer zu definierende Mittelschicht. Korruption sei leider nach wie vor ein großes Thema, der derzeitige Präsident Muhammadu Buhari habe aber einiges getan, um die grassierende Korruption einzudämmen, erläuterte Hengstler.

Interessant findet sie den „Unternehmergeist“, der in allen Bevölkerungsschichten Nigerias stark vertreten sei: Die Leute wollen selber ein Geschäft, ein Business, gründen und aufbauen - obwohl viele dann mangels Finanzierung und Business-Plans wieder scheitern. Der „Unternehmergeist“ treibe auch viele Migranten an, die nach Europa wollen, um hier irgendein Geschäft zu betreiben. Die Gefahr der Ausbeutung, etwa auch im Bereich Prostitution, sei vielen Migranten allerdings nicht bewusst.

Einige der Superreichen Nigerias treiben ehrgeizige wirtschaftliche Projekte voran: So wolle der reichste Mann Afrikas, der nigerianische Multimilliardär Aliko Dangote, mit dem Bau der größten Raffinerie Afrikas am Stadtrand von Lagos und mit einer Düngemittelfabrik künftig Autarkie im Bereich raffinierter Ölprodukte erreichen. Derzeit müssen nämlich raffinierte Ölprodukte überwiegend eingeführt werden und machen die größte Ausgabe im nigerianischen Staatshaushalt aus - trotz der reichen Ölvorkommen des Landes. Keine der vier nigerianischen Raffinerien ist voll funktionstüchtig.

Auch die Aufschüttung eines eigenen Stadtteils im Meer vor Lagos, die Eko Atlantic City, ist ein ambitioniertes Projekt. Dort soll auf künstlich geschaffenem Land ein eigener Stadtteil entstehen, mit teuren Wohnungen, Büros, Shoppingmöglichkeiten und Strand. Durch die gefallenen Ölpreise, durch die Nigeria im Jahr 2015 in eine Rezession rutschte, läuft das Bauvorhaben derzeit allerdings auf Sparflamme.

Österreichs Exporte nach Nigeria sind großteils Maschinen, etwa Webmaschinen oder Spritzgussmaschinen. Weiters werden traditionell österreichische Textilien exportiert, nämlich Vorarlberger Stickereien, in Nigeria begehrte Luxusartikel. Auch Energy-Drinks (Red Bull), Papier und Pappe werden ausgeführt. Insgesamt machten die österreichischen Warenlieferungen im Jahr 2017 rund 79 Mio. Euro aus.

Importiert wurde 2017 Erdöl mit einem Absatz in Österreich von 219 Mio. Euro, weiters Kakaobohnen um 4,4 Mio. Euro. Der Gesamtexport nigerianischer Waren nach Österreich betrug 2017 rund 225 Mio. Euro, was eine Kehrtwende im Vergleich zum Jahr davor (3,6 Mio.) darstellt. Im Jahr 2016 wurde kein Erdöl aus Nigeria nach Österreich ausgeführt. Die Handelsbilanz fiel 2017 damit stark negativ zulasten Österreichs aus.

Österreichs EU-Präsidentschaft hat für 18. Dezember zu einem hochrangigen Forum Afrika-Europa eingeladen.

~ WEB https://news.wko.at/presse ~ APA364 2018-10-24/14:10




Kommentieren