Letztes Update am Do, 25.10.2018 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Panoptikum des Kahlschlags: Volksoper arbeitete NS-Entlassungen auf



Wien (APA) - Zu ihrem 120. Geburtstag hat sich die Wiener Volksoper ein Stück Geschichte geschenkt und das Schicksal in der NS-Zeit vertriebener oder ermordeter Künstler des Hauses aufgearbeitet. „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ heißt das neue Buch von Historikerin Marie-Theres Arnbom, das kurze, aber sehr persönliche Einblicke in das Leben von 30 Volksopern-Persönlichkeiten gibt.

Direktoren, Orchestermusiker, Librettisten, Dirigenten - sie wurden nicht nur Opfer von Verfolgung, sondern begannen vielfach eine neue Karriere, brachten die Errungenschaften der Wiener Musik-Moderne auch an entlegene Orte der Welt und prägten etwa das US-amerikanische Opernleben für Jahrzehnte. Andere fanden ihre Laufbahn in Trümmern, kehrten gebrochen zurück oder verschwanden spurlos in Südamerika. Und einige fanden den Tod im KZ.

Als Roten Faden nutzt die Autorin die geradezu paradigmatische letzte Produktion am Haus vor der Machtübernahme - „Gruß und Kuß aus der Wachau“ - komponiert von Jara Benes, getextet von Hugo Wiener und Kurt Breuer, mit Gesangstexten von Fritz Löhner-Beda. „Sympathisch unprätentiöse, schmissige, fesche Musik zwischen Walzer und Jazz“ feiert die Kritik nach der Premiere im Februar 1938. Ihre Urheber - und dazu die Stars der Produktion, wie Hulda Gerin und Victor Fleming - sind wenige Jahre später vertrieben oder tot.

Einige Prominente sind dabei, viele vergessene. Ihre Geschichten speisen sich aus dem persönlichen Kontakt mit den Nachkommen: Aus den Briefen der Sopranistin Ada Hecht an ihren Sohn Manfred, der nach seiner eigenen Flucht vergebens versuchte, seine Eltern aus Wien herauszuholen, zitiert Arnbom ausgiebig und rekonstruiert daraus das bittere Schicksal der zunächst nach Theresienstadt, dann nach Aschwitz deportierten Sängerin. Von der Tochter von Konzertmeister Fritz Brunner und der Sängerin Paula Bäck erfährt die Autorin, dass sich bis zum August diesen Jahres „noch nie jemand für das Schicksal ihrer Eltern interessiert“ hat. Die New Yorker Met öffnet ihre Archive und fördert Details der erstaunlichen Karrieren von Dirigent Fritz Stiedry oder Sänger-Coach Walter Taussig zutage. Hier treffen sich auch der eben aus Wien ausgewanderte Korrepetitor Peter Paul Fuchs und seine künftige Frau, die Balletttänzerin Elissa Milet Levi - 99-jährig öffnete die elegante Dame der Autorin nun ihr Haus in North Carolina.

Der Volksoperndirigent und österreichische Bridge-Weltmeister Walter Herbert gründet nach seiner Emigration quer durch die USA ein Opernhaus nach dem anderen - darunter das erste für schwarze Sänger. Den „Rosenkavalier“ bringt er erstmals nach New Orleans. Aber auch ins ferne Australien führen die Wege: „I was born in Vienna“, sagt Henry Krips, Sohn von Kapellmeister Heinrich Krips, der in seiner neuen Heimat Australien eine kleines Wiener Zuhause für seine Familie einrichtete. Sie hoffe, so Arnbom in ihrem Vorwort, dass andere Historiker sich noch ausführlicher mit den einzelnen Persönlichkeiten befassen werden. In ihrer kurzen Zusammenschau weisen sie neben den tragischen Einzelschicksalen vor allem auf den nachhaltigen Kahlschlag der Wiener Musiktheaterszene im Jahr 1938 hin. „Was für ein enormes Potenzial ist Österreich verloren gegangen“, lautet denn auch eine der Eingangsthesen von Marie-Theres Arnbom, die sie auf etwa 200 Seiten reich untermauert.

(S E R V I C E - Marie-Theres Arnbom: „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt. Aus der Volksoper vertrieben. Künstlerschicksale 1938“. Amalthea Verlag, 208 Seiten, 25 Euro. Buchpräsentationen am 13. und 14. 11. in der Volksoper, am 15. 11. im Jüdischen Museum Wien und am 20. 11. im Wienmuseum)




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