Letztes Update am Do, 25.10.2018 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale: „Alice T.“: Schwangerschaftsdrama mit Charakterschwäche



Wien (APA) - Der rumänische Regisseur Radu Muntean hat seinem Mutter-Tochter-Drama „Alice T.“ eine grund-unsympathische Jugendliche in den Mittelpunkt gestellt. Ihre fragwürdigen Entscheidungen werfen die ungewollt schwangere Alice in eine Krise. Der Film übers Erwachsenwerden ist hervorragend gespielt, hätte aber von einnehmenderen Charakteren profitiert. Am Freitag bei der Viennale in der Urania zu sehen.

Zu Beginn des Films sieht es so aus, als würden die 16-jährige Alice (Andra Guti) und ihre Adoptivmutter Bogdana (Mihaela Sirbu) streiten, wie es Tausende Mütter und Töchter täglich tun. In der hübschen, in orange-and-teal gehaltenen Welt, in der die beiden leben, ist schließlich aber doch nicht alles so banal: Alice ist schwanger, und sie will das Kind behalten. Der darauffolgende Wutanfall ihrer Mutter ist nicht schwer nachzuvollziehen.

Denn Alice ist eine unaufrichtige, beinahe schon überzeichnet gleichgültige Göre. Sie macht Probleme in der Schule, übersteigt die Grenzen des Burschen, der ihr gefällt und lügt Verwandten lächelnd ins Gesicht. Charaktereigenschaften, die ihre Fehler kompensieren würden, hat ihr Muntean - eine zentrale Figur des rumänischen Kinos - keine mitgegeben.

An dieses Verhalten ist ihre Mutter wohl schon gewohnt; sie zweifelt sowohl an der Schwangerschaft ihrer Tochter als auch an deren Eignung, sich um ein Kind zu kümmern: „Du duschst nicht, ohne dass ich es dir sage: Wie willst du also ein Baby aufziehen?“ Schlussendlich kippt die Stimmung, und Alice‘ Schwangerschaft schafft einen zärtlichen Moment zwischen Mutter und Tochter. Die finale Entscheidung des Teenagers steht indes noch aus.

Bogdanas Gefühlsumschwung ist nicht nur in dieser Situation schwer nachzuvollziehen, und oft ist es auch ein Rätsel, was in Alice‘ feuerrotem Kopf vor sich geht. Wegen der unklaren Motive der Protagonistinnen bleibt einiges an Sehfreude - vor allem bei einem charakterzentrierten Coming-of-Age-Drama wie diesem - auf der Strecke. Hinzu kommt auch, dass man mit Alice, der ein einnehmendes Wesen völlig fehlt, nur schwer mitfühlen kann.

Beim Filmfest in Locarno wurde Andra Guti für „Alice T.“ verdient als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Man nimmt ihr die Rolle des Parade-Problemkindes nur zu gerne ab. Die stets glaubwürdigen Darstellungen - auch Mihaela Sirbu glänzt in der Rolle der strengen Bogdana - geben dem Film Einiges zurück, können die Schwächen der Charaktere aber nicht wettmachen.

(S E R V I C E - „Alice T.“ am 26. Oktober um 21 Uhr und am 27. Oktober um 16 Uhr jeweils in der Urania bei der Viennale. www.viennale.at/de/film/alice-t)




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