Letztes Update am Do, 25.10.2018 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale - „Tarde para morir joven“: Nur äußerlich kleiner Film



Wien (APA) - Man kennt das: Ein junges Mädchen rebelliert gegen den Vater, verliebt sich in den Falschen, lässt den treuen Kindheitsfreund links liegen. Mit dem Inhalt enden aber bereits die Gemeinsamkeiten unzähliger Hollywoodschinken mit Dominga Sotomayors Drama „Tarde para morir joven“ (Too late to die young). Viennale-Besucher erwartet am 26.10. in der Urania ein Chile zwischen Freiheit und Desillusion.

Das chilenische Hügelland mutet wie ein Kinderparadies an: Zwischen bloß aus Holzstreben bestehenden Häusern und von Bäumen hängenden Schaukeln können Kinder ohne Regeln und stets ordentlich verstaubt durch die Gegend streunen. Ihre Eltern haben sich in einer Art Kommune angesiedelt. Fernab der Stadt entscheiden die Kreativen und Freigeister gemeinschaftlich über das Zusammenleben. Unter ihnen: die 16-jährige Sofia (authentisch leidend: Demian Hernández), mit ihrem Vater und Bruder, sowie das ungefähr zehnjährige Mädchen Clara (ausdrucksstark: Magdalena Tótoro).

Trotz der Weite des Landes fühlt sich Sofia eingeengt. Sie träumt von einem aufregenden Leben in der Stadt, bei ihrer Mutter, einer bekannten Sängerin. Als der um einiges ältere Ignacio (Matías Oviedo) in der Gemeinschaft erscheint, verliebt sie sich in ihn. Er ist cool, hat eine Narbe, raucht viel und fährt schnell Motorrad. Für Lucas (Antar Machado), ihren verträumt schmachtenden Kindheitsfreund mit Lockenkopf und Baumhaus, hat sie keine Augen mehr.

Die Geschichte entwickelt sich langsam, die Kamera bleibt mit einigen Ausnahmen bewegungslos auf die Protagonisten gerichtet. Viele Szenen spielen in klapprigen Autos oder in der Nacht. Die Farben sind entsättigt, die Aufnahmen wie Bilder, die durch jahrelange Sonneneinstrahlung verblasst sind. Immer wieder muss man sich beim Anblick der verwelkenden Bäume ins Gedächtnis rufen, dass es nicht das Ende des Sommers ist, sondern der Film im Winter spielt - die Kommune bereitet sich auf das Neujahrsfest vor.

Auch die Erwachsenen sind nicht das, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Sie wissen nicht, was sie wollen. Die Kommune wollte Strom, aber als es die Möglichkeit dazu gibt, entbrennen Diskussionen, ob sie es wirklich machen wollen. Hinter dem Rücken anderer wird gelästert, es gibt unglückliche Liebschaften, es wird zu viel getrunken - der Sohn muss die Wunde auf der Stirn der Mutter verarzten, zu der es im Suff gekommen ist. Sotomayor hebt unterschwellig den Mythos auf, der vor allem unter Kindern und Jugendlichen kursiert, Erwachsene wüssten, wie man lebt und sich richtig verhält.

Mit der Figur der jungen Clara gelingt der Regisseurin und Drehbuchautorin ein Kunststück. Ihre Geschichte verläuft parallel zu der von Sofia. Das Kind bekommt einen Hund geschenkt, Frida. Doch der Berner Senne läuft davon, das Mädchen plagen Schuldgefühle. Ihre Mutter kauft einer fremden Familie einen Hund ab, der wie Frida aussieht. Trotz ihrer jungen Jahre erkennt Clara den Betrug. Inmitten der Erwachsenen, die das Aussteigerleben bewusst gewählt haben, und der rebellierenden Teenager wirkt Clara als die jüngste Protagonistin paradoxerweise am reifsten.

Das kulminiert in einer Szene mit Clara und Sofia - übrigens die einzige, in der beide Hauptfiguren zusammen zu sehen sind - während der Silvesternacht auf einem Stein. Sofia raucht, Clara fragt, ob sie ziehen darf. „Du bist zu klein“, lehnt der Teenager ab. „Nur äußerlich“, wendet das Mädchen ein. Die junge Tótoro, die keine schauspielerische Erfahrung hatte und von Sotomayor bei einem Workshop entdeckte wurde, spielt Clara überzeugend. In ihren Augen kann man jede Gefühlsregung ablesen - vor allem die Desillusion.

Mehrere Indizien weisen darauf hin, dass der Film in den 1990ern spielt. Einerseits wurde die Regisseurin 1986 geboren und wuchs während dieser Dekade selbst in einem kommunenartigen Setting nahe Chile auf. Andererseits wurden einige im Film gespielten Musikstücke erst Mitte des Jahrzehntes veröffentlicht. Obwohl der Film selbst ohne das kleinste politische oder geschichtliche Element auskommt, kann er unter dem soziokulturellen Hintergrund der beginnenden Demokratie in Chile nach 17 Jahren Diktatur durch Augusto Pinochet als Coming-of-Age des Landes verstanden werden. Die Nation brach in eine ungewisse Zukunft auf, viele hatten Angst vor dem Übergang zur Demokratie. Das Land musste sich erst in der neuen Rolle zurechtfinden - gleich einem Teenager.

Das Ende ist fulminant: Während um Sofia herum alles in Rauch aufgeht, versucht die Jugendliche unter einem Wasserfall dem Unausweichlichen zu entkommen. Es gelingt nicht, sie ist ein Stück erwachsener geworden - was immer das auch bedeuten mag. Dominga Sotomayor ist ein emphatischer, vielschichtiger Film gelungen, der das Coming-of-Genre zwar nicht revolutioniert, aber die oft starren Grenzen zwischen Kind, Teenager und Erwachsenem verschwimmen lässt. Entsprechend verdient wurde Sotomayor als erste Frau beim renommierten Locarno Filmfestival mit dem Regiepreis ausgezeichnet.

(S E R V I C E - „Tarde para morir joven“ läuft bei der Viennale am 26. Oktober um 18.30 Uhr in der Urania sowie am 27. Oktober um 13.00 Uhr im Stadtkino im Künstlerhaus; www.viennale.at/de/film/tarde-para-morir-joven)




Kommentieren