Letztes Update am Do, 25.10.2018 08:57

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Indischer Pensionist tippt Porträts auf der Schreibmaschine



Mumbai (Bombay) (APA/AFP) - „Klick, klack, klack, klack, klack, klack, ding“ tönt es aus einem Haus im indischen Mumbai. Chandrakant Bhide ist wieder bei seiner Arbeit: Konzentriert haut der 72-Jährige in die Tasten einer sperrigen Schreibmaschine und „malt“ damit Porträts berühmter Persönlichkeiten. Von Politikern über Stars zu Comicfiguren - in einem halben Jahrhundert hat er rund 150 solcher Kunstwerke kreiert.

„Ich habe viele Persönlichkeiten geschaffen - Mahatma Gandhi, Jawaharlal Nehru, Indira Gandhi, Charlie Chaplin, Stan Laurel und Oliver Hardy“, sagt der Rentner stolz. „Dies ist mein Hobby, meine Leidenschaft.“ Seine Werke wurden bisher in zwölf Ausstellungen gezeigt - in der Wirtschaftsmetropole Mumbai ist er inzwischen eine Berühmtheit.

Sein ungewöhnliches Talent entdeckte Bhide Ende der 1960er-Jahre als kleiner Bankangestellter. Eigentlich wollte er als junger Mann auf die Kunstschule und Grafiker werden, doch seine Familie konnte die Gebühren nicht aufbringen. Also besuchte er Kurse für Maschinenschreiben und Stenografie und arbeitete danach in der Verwaltungsabteilung der Union Bank of India.

1967 bat ihn sein Chef, eine Liste aller Mitarbeiter samt Durchwahl zu tippen. „Ich tippte sie in der Form eines Telefons und dachte ‚das ist ja fantastisch, ich kann damit Kunst machen‘ - allen anderen schien es auch zu gefallen“, erinnert er sich.

Bhide begann, zum jährlichen Fest des Hindu-Gottes Ganesha mit der x-Taste Bilder zu Ehren der elefantenköpfigen Gottheit zu tippen. Dann experimentierte er mit anderen Tasten - darunter „w“, „*“, „&“ oder „%“ - und schuf Porträts von Berühmtheiten.

Während er Ganesha in 15 Minuten getippt hat, braucht er für ein bekanntes Gesicht einige Stunden. Es ist eine mühevolle Arbeit: Mit der linken Hand steuert Bhide die Papierwalze, während er mit dem rechten Zeigefinger die Tastatur bearbeitet. Ab und zu stoppt er, um das Papier ein bisschen zu drehen, manchmal drückt er den Hebel zum Wechsel des Farbbands von schwarz nach rot oder umgekehrt.

Regelmäßig prüft er mit einem Blick auf die Vorlage, dass ihm keine Fehler unterlaufen. „Tippen erfordert Hingabe und Konzentration“, betont er. „Ein Strich an der falschen Stelle, und man muss von vorn anfangen - es ist nicht wie beim Computer, wo man löschen kann.“

Über die Jahre hat der Künstler auf seiner rostigen Halda-Schreibmaschine zahlreiche indische Schauspieler porträtiert, aber auch US-Comicfiguren wie Mickey Mouse und Archie. Auch die Cricketstars Brian Lara und Sachin Tendulkar gehören zu seinen Motiven. Tendulkars berühmte Locken brachte er mit Hunderten „@“-Symbolen aufs Blatt.

Bhide arbeitet nie auf Bestellung, seine Kunstwerke sind nicht käuflich. Berühmt ist er trotzdem, auch wegen der zahlreichen Zeitungsartikel über ihn. Viele der Stars, die er porträtierte, traf er persönlich. Als nächste Projekte hat er sich Donald Trump, Queen Elizabeth II. und den indischen Premierminister Narendra Modi vorgenommen.

Alle seine Werke schuf Bhide auf derselben Schreibmaschine, die er während seiner 30 Jahre in der Union Bank nutzte. Als er Mitte der 1990er-Jahre in den Ruhestand ging, überließ ihm die Bank das Gerät für einen symbolischen Preis von einer Rupie. „Ich habe so viel aus dieser Schreibmaschine herausgeholt“, sinniert er. „Tippen ist eine Kunst.“




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