Letztes Update am Do, 25.10.2018 16:23

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


NATO-Manöver - Notwendige Abschreckung oder überflüssige Provokation?



Oslo (APA/dpa) - Die NATO hält seit diesem Donnerstag ihr größtes Manöver seit Ende des Kalten Krieges ab. Um eine Minute nach Mitternacht übernahm der amerikanische Admiral James G. Foggo das Kommando über rund 50.000 Soldaten, die an der zweiwöchigen Feldübung in Norwegen beteiligt sind. Hinzu kommen 10.000 Fahrzeuge sowie mehr als 300 Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Schiffe.

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Sind zusätzliche Spannungen mit Russland vorprogrammiert? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu „Trident Juncture“:

Warum übt die NATO wieder in diesem Ausmaß?

Ziel ist es, ein Signal der Abschreckung an Russland zu senden und für den sogenannten Bündnisfall zu trainieren. Dieser könnte ausgerufen werden, wenn einer oder mehrere der 29 Mitgliedstaaten von einem Gegner angegriffen würden. In der Folge müssten dann die anderen Verbündeten Beistand leisten. „Trident Juncture wird die klare Botschaft aussenden, dass wir bereit sind, alle Bündnispartner gegen jegliche Gefahr zu verteidigen“, sagt NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Um glaubhaft abschrecken zu können, müsse man die Stärke des Bündnisses zeigen. Das Manöver ist laut Stoltenberg aber nicht gegen Russland gerichtet. Demnach haben Russland und Weißrussland auch die Einladung der NATO angenommen, Beobachter zu „Trident Juncture“ zu schicken.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde massiv abgerüstet, jahrelang wurde auch kaum noch für den Bündnisfall trainiert. Seit wann wird Russland wieder als Gefahr gesehen?

Das Jahr der Wende war 2014. Damals begann der von Russland befeuerte Krieg in der Ostukraine, den Russland auch nutzte, um sich die ukrainische Halbinsel Krim einzuverleiben. Seit diesen Ereignissen drängen vor allem östliche Bündnispartner darauf, sich wieder besser für den Bündnisfall zu wappnen. Es könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass Russland auch in einem NATO-Land für Unfrieden oder sogar Krieg sorgen könnte, lautet die Argumentation.

Ist diese Gefahr wirklich gegeben?

Das ist umstritten. Während Polen sowie die Ex-Sowjetrepubliken Lettland, Litauen und Estland von einer tatsächlichen Bedrohung ausgehen, sind Deutschland und auch führende NATO-Militärs entspannter. Sie sehen keine Anzeichen dafür, dass Russland einen Angriff auf einen NATO-Staat plane. Um dennoch für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, wird seit 2014 allerdings wieder stark aufgerüstet und wieder deutlich mehr geübt. Russland empfindet das als Provokation, obwohl es selbst zuletzt riesige Manöver abhielt.

Was ist das Szenario der NATO-Übung?

In der ersten Runde von „Trident Juncture“ werden von Ländern wie Deutschland, Italien und Großbritannien gebildete „südliche Kräfte“ einen Angriff von „nördlichen Kräften“ abwehren. Letztere sollen unter anderem aus Truppen der USA, Kanadas und Norwegens bestehen. In der zweiten Runde sieht das Szenario nach Bündnisangaben dann einen Gegenangriff der „südlichen Kräfte“ auf die „nördlichen Kräfte“ vor.

Wird bei „Trident Juncture“ auch das Schießen trainiert?

Ja, allerdings eher am Rande und nur auf Übungsplätzen. Hauptziel ist es, das internationale Zusammenspiel von Truppen zu trainieren. Es soll gezeigt werden, dass die NATO ihre Kräfte innerhalb kürzester Zeit in Stellung bringen, einsetzen und versorgen kann. Bei den Luftübungen geht es unter anderem darum, das Zusammenwirken von modernen Luftstreitkräften mit Patriot-Flugabwehrsystemen zu üben.

Spielen auch offensive Cyberwaffen eine Rolle - zum Beispiel solche, die Computer- und Telekommunikationsnetze lahmlegen können?

Das ist offen. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bestätigte am Mittwoch lediglich, dass es einen Cyber-Teil in dem Manöver geben werde. Details wollte er allerdings nicht nennen.

Deutschland ist nach den USA mit rund 10.000 Soldaten größter Truppensteller bei der Übung. Ist das Zufall?

Nein. Für die deutsche Bundeswehr ist die Großübung eine besondere Bewährungsprobe. Sie übernimmt im kommenden Jahr die Führung der schnellen, im Zuge der Ukraine-Krise aufgestellten NATO-Eingreiftruppe VJTF (Very High Readiness Joint Task Force). In Norwegen soll sie unter Beweis stellen, dass sie für die Aufgabe gerüstet ist. Für Deutschland ist das Manöver zudem eine Gelegenheit, Donald Trump zu demonstrieren, dass es bereit ist, mehr Verantwortung für die Sicherheit Europas zu übernehmen. Der US-Präsident fordert seit seinem Amtsantritt deutlich höhere Verteidigungsausgaben von der Regierung in Berlin und hat sogar schon mit einem NATO-Austritt gedroht, sollten die europäischen Alliierten nicht mehr Anstrengungen in dem Bereich unternehmen.

Was sagt Russland zu der Übung?

Die Regierung in Moskau vertritt die Meinung, das Großmanöver der NATO trage weiter zur Destabilisierung in der Region bei. Nach Beginn des Manövers kündigte der russische Präsident Wladimir Putin an, dass er seine Armee und Flotte weiter modernisieren wolle. Ein Schwerpunkt liege dabei auf Entwicklung und Einsatz fortschrittlicher Waffenmodelle, sagte er am Donnerstag, ohne Details zu nennen.

„Russland bedroht niemanden. Wir erfüllen strikt die Verpflichtungen im Bereich der internationalen Sicherheit und Rüstungskontrolle“, so Putin. Russland sei immer offen für eine konstruktive Partnerschaft, sagte der Kremlchef ohne Verweis auf die NATO-Übung. „Zugleich ist es unsere Pflicht, alles Notwendige für einen zuverlässigen Schutz des Heimatlandes vor potenziellen Bedrohungen zu tun.“

Die russische Seite werde es sich nicht nehmen lassen, im Gegenzug ebenfalls aufzurüsten und Militärmanöver zu starten, hatte zuvor der Linken-Bundestagsabgeordnete Alexander Neu prognostiziert. Die gesamte Übung sei „eine einzige Provokation und Drohgebärde gegenüber Russland“. Neu verwies zudem darauf, dass die NATO-Staaten zuletzt mehr als 14-mal so viel Geld für die Verteidigung ausgegeben hätten wie Russland. „Russland hat momentan weder die materiellen noch die finanziellen und auch nicht die personellen Fähigkeiten, um die NATO überhaupt erfolgreich angreifen zu können“, lautete seine Einschätzung.

In Deutschland gab es zuletzt selbst viele Diskussionen über Ausrüstungsmängel bei der Bundeswehr. Exemplarisch dafür steht ein Bericht, nach dem Soldaten 2015 bei einem NATO-Manöver die fehlende Bewaffnung von Transportpanzern durch schwarz angestrichene Besenstiele ersetzten. Ist bei „Trident Juncture“ Ähnliches zu befürchten?

„Besenstiele an Panzern kann ich ausschließen, Besenstiele zum Reinigen unserer Unterkünfte nicht“, sagt Brigadegeneral Michael Matz (59). Seinen Angaben zufolge haben die deutschen Soldaten alles, was sie für eine erfolgreiche Teilnahme am Manöver brauchen. Selbst für den Fall, dass die Temperaturen tief unter den Gefrierpunkt fallen, sollen sie gut ausgerüstet sein.

Wann gab es zuletzt eine größere NATO-Übung?

Die letzten Manöver, die größer waren als „Trident Juncture 2018“, gab es vor der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991. Damals gab es unter anderem noch die Manöverreihe „Return of Forces to Germany“ (Rückkehr von Streitkräften nach Deutschland). An ihr waren bis zu 125.000 Soldaten beteiligt - im Jahr 1990 immerhin noch über 57.000.

Und Russland?

An dem jüngsten russischen Großmanöver im Osten des Landes (Wostok 2018) sollen nach Angaben aus Moskau knapp 300.000 Soldaten teilgenommen haben. In NATO-Kreisen wird die Zahl als stark überzogen bezeichnet - größer als „Trident Juncture“ dürfte die Übung aber allemal gewesen sein. Das jüngste große Manöver im Westen Russlands war Sapad 2017. Dabei gab Russland die Teilnehmerzahl mit 12.700 Soldaten an, nach westlichen Zählungen waren es allerdings 60.000 bis 80.000.

~ WEB http://www.nato.int/ ~ APA439 2018-10-25/16:19




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