Letztes Update am Do, 25.10.2018 17:02

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale - Rohrwacher: „Es ist ein Spiel mit dem Publikum“



Wien (APA) - In Cannes hat er ihr den Drehbuchpreis eingebracht, nun bezirzt sie damit das Wiener Publikum: Mit „Lazzaro felice“ ist Alice Rohrwacher (36) ein märchenhafter Film mit ernsten Untertönen gelungen. Zum Auftakt der 56. Viennale präsentiert die italienische Autorenfilmerin ihr Werk persönlich im Gartenbaukino. Davor sprach sie mit der APA über Unschuld, Migration und den Charme des Wiener Festivals.

APA: Ihr Film ist eine märchenhafte Geschichte, behandelt aber auch sehr ernste Themen. Aus welcher Ideen heraus ist das entstanden?

Alice Rohrwacher: Diese Geschichte kommt von weit her. Es ist immer ein sehr langer Prozess. Ich glaube, das ist bei allen Geschichten so. Aber es gibt zwei Hauptelemente: Zum einen ist die Geschichte über die Marchesa wahr, die ihre Arbeiter nicht darüber aufgeklärt hat, dass das Feudalsystem abgeschafft wurde, dass sie eigentlich das Recht auf Lohn und einen Arbeitsvertrag hätten. Sie ließ sie darüber im Unwissen und hat sie weiterhin versklavt. Da diese Geschichte aber so pessimistisch und traurig ist, kam auch der Wunsch, sie mit einer gewissen Leichtigkeit, einem spielerischen Märchenzugang zu erzählen. Deshalb habe ich auch diese Märchenfiguren entwickelt. Es ist immer schwer, wenn man ein Urteil über Gut und Böse fällt, das genau abzuwägen. Das können eigentlich nur Märchen in einem so klaren Verhältnis: Hier sind Gute und Böse klar definiert.

APA: Sie setzen das in ein beinahe zeitloses Setting. Wie wichtig ist das für die Handlung?

Rohrwacher: Diese aufgehobene Zeitebene war schon wichtig, um dann wieder auf das Jetzt zu verweisen. Von dort kann man langsam wieder zur Realität kommen. Es ist auch ein gewisses Spiel mit dem Publikum. Märchen beginnen ja immer mit „Es war einmal...“. Und so ist das bei diesem Film auch. Aber langsam werden Elemente eingeführt, die dann wieder zeitlich verortbar sind. Dadurch entwickelt sich eine Geschichte, die sehr nah an uns und unsere Zeit heranreicht. Durch diesen Kunstgriff werden wir daran aber mit Kindesaugen herangeführt.

APA: War die Figur des Lazzaro für Sie von Anfang an der eindeutige Dreh- und Angelpunkt? Ist er eine Möglichkeit für das Publikum, auf diese unterschiedlichen Welten zu blicken?

Rohrwacher: Ich glaube nicht, dass der Film will, dass wir die Welt mit Lazzaros Augen betrachten - es geht eher darum, wie die Welt Lazzaro betrachtet. Die Welt könnte nicht mit Lazzaros gefüllt sein, das ginge nicht. Es geht eher darum, dass man sich an diese Unschuld erinnert. Das heißt für mich auch, dass wir das schon einmal gekannt haben. Vielleicht ist die Unschuld zum Zeitpunkt unserer Geburt etwas, das wir alle miteinander teilen.

APA: Wie haben Sie Adriano Tardiolo, der Lazzaro verkörpert, gefunden?

Rohrwacher: Ich wollte genau ihn, genau so eine Figur, das wusste ich von Anfang an. Es war uns aber auch bewusst, dass es schwierig wird, so jemanden zu finden. Wer charakterlich so veranlagt ist, geht üblicherweise ja nicht zu einem Casting. Du suchst jemanden, der introvertiert und scheu ist. Am Ende haben wir ihn in einer Schule gefunden.

APA: Eine der eindrücklichsten Szenen ist die „Rettung“ der Dorfbewohner, in der man auch ihre Angst und Unsicherheit vor dem, was kommen mag, spürt. Ist der Film für Sie auch ein Kommentar auf die Situation von Flüchtlingen in Europa?

Rohrwacher: Natürlich kann man das so lesen. Wir wollten eine innere Migration zeigen - also keine, die von außen nach innen geht, sondern die inneritalienisch ist. Dadurch wird auch das Bild des Anderen nochmals anders besetzt. Es ist nicht jenes, das man üblicherweise im Fernsehen serviert bekommt. Hier kommt der Migrant aus dem eigenen Land. Die eigentlichen Schuldigen daran sind jene, die das verursacht haben, die es organisieren und davon profitieren.

APA: Mit Ihrem Film waren Sie in Cannes höchst erfolgreich. Im Vergleich zu solch großen Festivals: Welchen Stellwert hat die Viennale für Sie, bei der ja kein Wettbewerb im Vordergrund steht?

Rohrwacher: Ich bin sehr froh, wieder bei der Viennale zu sein. Ich war ja schon in der Vergangenheit hier und hatte ein sehr inniges Verhältnis zu Hans Hurch, dem ich auch versprochen habe, immer wieder zu kommen. Aber auch Eva Sangiorgi kenne ich gut und habe eine gute Beziehung zu ihr. Es stimmt: Wettbewerbe sind natürlich sehr wichtig für einen Film, vor allem nach der Premiere. Aber die Geschichten der Filme werden dann anders fortgesetzt. Es sind Geschichten, die viel mit dem Publikum zu tun haben. Deswegen ist es schön, bei einem Festival zu sein, das so nah am Publikum ist.

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - „Lazzaro felice“ läuft bei der Viennale heute, Donnerstag, um 19.30 Uhr sowie 23 Uhr und morgen, Freitag, um 12.30 Uhr, jeweils im Gartenbaukino. Der Film startet am 1. November regulär im Kino. www.viennale.at)




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