Letztes Update am Fr, 26.10.2018 09:05

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„Lazzaro felice“: Alice Rohrwachers Märchen aus dem Mezzogiorno



Wien (APA) - Es ist ein märchenhafter Film, den Alice Rohrwacher mit „Lazzaro felice“ aus dem italienischen Mezzogiorno, dem armen Süden des Landes, erzählt. Nicht ohne Grund durfte das Werk heuer die Viennale eröffnen und sich in Cannes über den Drehbuchpreis freuen. Die ruhige, in wunderschönen Bildern eingefangene Geschichte über einen vermeintlichen Außenseiter ist ab Freitag im Kino zu sehen.

Lazzaro (Adriano Tardiolo) ist ein einfacher Bauernbursche, der mit anderen Hofbewohnern auf einer Tabakplantage für die Marchesa Alfonsina de Luna sein Dasein fristet. Es herrschen ärmlichste Verhältnisse auf dem von der Außenwelt beinahe völlig abgeschnittenen Gut, trotzdem geht der junge Mann mit einer stoischen Gelassenheit und Gutmütigkeit durch sein Leben. Hier Hand anlegen, dort zu Hilfe kommen oder schnell die Großmutter die Treppen hochtragen: Lazzaro erledigt seine Aufgaben mit der stets gleichen Sorgfalt und Ruhe, egal von welcher Seite sie gerade auf ihn einprasseln.

Doch als die Marchesa mit ihrem störrischen Sohn Tancredi (Luca Chikovani) auftaucht, um nach dem Rechten zu sehen, eröffnet sich für Lazzaro eine neue Welt: Denn der junge Herr findet Gefallen am gleichaltrigen, scheinbar einfältigen Burschen, der als einziger seinem Blick standhält. Es entwickelt sich eine Freundschaft, so unschuldig wie ungewöhnlich, in der Tancredi von Liebesbekundungen für seinen neuen „Bruder“ ansatzlos in Raserei verfällt. Aber letztlich sieht er in ihm die Lösung eines Problems, versucht er doch schon seit Längerem, sich aus seinem als zu eng wahrgenommen Leben zu befreien. Eine Entführung wird inszeniert und der unbedarfte Lazzaro als Bote benutzt.

Das Problem bei der Sache ist nur, dass die Polizei davon Wind bekommt und bei der Suche nach dem verschwundenen Tancredi auf die versammelte Arbeiterschaft auf der Plantage stößt. Man ist völlig entsetzt über das Vorgefundene, verstehen sich diese Menschen doch als Eigentum der Marchesa. Damit kippt plötzlich die Erzählung, die man - von Tancredis Walkman und diversen Mobiltelefonen abgesehen - ohne weiteres im späten 19. Jahrhundert hätte vermuten können. Die Menschen am Hof werden „gerettet“ und in die Stadt gebracht, während sich die Marchesa der Justiz stellen muss. Nur Lazzaro bekommt von alldem zunächst nichts mit, stürzt er auf der Suche nach Tancredi doch in eine tiefe Schlucht.

Ab diesem Zeitpunkt lässt Rohrwacher, die die Beziehung zwischen ihren Protagonisten in der ersten Hälfte behutsam aufbaut und auf eine aus der Zeit gefallene Inszenierung setzt, ihren Film ins Heute driften. Der biblische Lazarus, der von den Toten erweckt wird, er findet im wortkargen, aber durch und durch liebenswerten Lazzaro seine Entsprechung. So verwischen Zeit und Raum, finden sich alte Bekannte unter neuen Umständen wieder und bleibt für Lazzaro doch einzig und allein die Suche nach seinem Freund Tancredi von Bedeutung. Nur ein Happy End will sich bei diesem Märchen nicht so wirklich einstellen...

Kamerafrau Helene Louvart findet für „Lazzaro felice“ äußerst effektvolle Bilder: Das Dorf Inviolata versprüht trotz trister Lebensumstände einen besonderen Zauber, die karge Landschaft leuchtet in erdigen Farben, und wenn ein Unwetter aufzieht, glaubt man an das Ende der Welt. All das wäre aber wenig zielführend, würde man den Darstellern ihre Situation nicht so unbedingt abkaufen: Tardiolo ist ein Glücksfall als Lazzaro, verleiht seiner Naivität einen ganz besonderen Nachdruck und hat das Publikum doch zu jedem Zeitpunkt auf seiner Seite. Ihm gegenüber steht allen voran der quirlige Chikovani als junger Tancredi, der plötzlich Sehnsucht in das Herz Lazzaros bringt. Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Freundschaft.

Rohrwacher, die den Preis für das beste Drehbuch bei den Filmfestspielen von Cannes erhielt, versteht es ausgezeichnet, mit entsprechender Zurückhaltung an ihr von biblischen Figuren, Gleichnissen und Mythen inspirierte Geschichte heranzugehen. Das Vertrauen, das sie der Handlung wie ihren Darstellern gleichermaßen entgegenbringt, zahlt sich aus. Sich der Magie von „Lazzaro felice“ (deutscher Titel: Glücklich wie Lazzaro) zu entziehen, ist kaum möglich. Hier wandelt man tatsächlich an der Grenze zum Traum.

(S E R V I C E - www.lazzaro-film.de)




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