Letztes Update am Fr, 26.10.2018 10:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Maria Stuart“ überzeugte in Graz mit asketischer Schiller-Auslegung



Graz (APA) - Zwei Frauen in einer gleichförmigen Männerwelt, eine davon verliert den Kopf, die andere ihr Herz: Im Grazer Schauspielhaus schnitt Stephan Rottkamps Inszenierung von „Maria Stuart“ mit Präzisionssprache und sparsamer Aktion am Donnerstag bis auf die Knochen und legte das Innerste der beiden Königinnen frei. Schillers Text konnte hier in seiner ganzen Vielschichtigkeit funkeln.

Eine weiße Schräge, die sich hebt und senkt, zeigt abwechselnd Maria Stuarts Kerker und die Welt von Königin Elisabeth. Eine Plattform bietet einzelnen Szenen einen besonderen Raum, ansonsten ist alles leer und weiß (Bühne: Robert Schweer). Hier bewegt sich eine völlig uniformierte Männergruppe in schwarzen Anzügen, schwarzen Perücken und gleichen Brillen. Die beiden Frauen stechen hervor, Maria, leicht mitgenommen in Grau-Beige, Elisabeth in einem blutroten Seidenkleid (Kostüme: Heide Kastler).

Regisseur Rottkamp hat einige Rollen und naturgemäß viel Text gestrichen, aber was übrig blieb, wirkte wie eine gelungene Essenz von Schiller. Hier wurde nichts - oder so gut wie nichts - lächerlich, sondern das Skelett des Dramas sichtbar gemacht. Nicht nur das Seelendrama, sondern auch die unterschiedlichsten Bemühungen von Freunden und Feinden, die in ihrem Zusammenwirken die Katastrophe erst ermöglichten. Das durchwegs junge Ensemble verleiht dem Stück eine neue Dynamik, denn hier kämpfen zwei junge Frauen um Thron und Liebe, da geht es um Unsicherheiten, Eifersucht, aber auch Impulsivität und Rache. Die Männer treten immer wieder als Chor auf, setzen aber zuweilen ihre Perücken ab und sind dann Individuen - oder eher fleischgewordene Argumente für oder wider die Hinrichtung einer Königin.

Henriette Blumenau zeigte Maria Stuart anfangs als Frau, die offenbar durch die lange Zeit im Kerker schon den Bezug zur Realität verloren hat, so herrisch und lakonisch, wie sie sich gibt. Darunter lodert aber ein kaltes Feuer, das jeden Moment auszubrechen droht. Bei der Begegnung der Königin brechen alle Dämme und sie vergisst jede Zurückhaltung, doch am Ende sieht man eine Frau, die in ruhiger Demut ihr Schicksal annimmt. Ihre Gegenspielerin legte Sarah Sophia Meyer als vordergründig weltgewandte, innerlich aber unsichere und ängstliche Frau an. Diese Elisabeth strahlt in ihrem roten Seidenkleid prachtvoll nach außen, ihre Zerrissenheit zeigte sie eindrucksvoll in ihrem Monolog im vierten Akt.

Pascal Goffin war ein bis in abgezirkelten Bewegungen eiskalter Burleigh, während Florian Köhler von Anfang an einen doppelzüngigen, schleimigen Leicester bot, dessen einzige wahre Liebe er selbst ist. Als strenger, aber absolut korrekter Paulet ließ Fredrik Jan Hofmann mit Zwischentönen aufhorchen, Christian Hellers Shrewsbury versuchte immer wieder, die Staatsräson durch Menschlichkeit aufzulockern. Benedikt Greiners Mortimer durfte edel, jung und begeistert sein, zuletzt berührte er in all seiner Tragik. Oliver Chomik hatte nur eine Szene, wusste diese aber zu nützen und verlieh dem Sekretär, an den Elisabeth die Verantwortung abwälzen will, verzweifelte Würde.

Ein wunderschöner Moment gelang im letzten Akt, als Maria allein vor einer Kerze - dem einzigen Licht auf der gesamten Bühne - saß und beichtete. Ein Abend, der einiges an Konzentration verlangt, dafür aber mit Schiller in aller Schönheit und Schärfe überzeugte.

(S E R V I C E - „Maria Stuart“ von Friedrich Schiller im Grazer Schauspielhaus. Regie: Stephan Rottkamp, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Heide Kastler. Mit: Sarah Sophia Meyer (Elisabeth), Henriette Blumenau (Maria Stuart), Pascal Goffin (Burleigh), Benedikt Greiner (Mortimer), Oliver Chomik (Davidson), Christian Michael Heller (Shrewsbury), Florian Köhler (Leicester), Fredrik Jan Hofmann (Paulet), Valentin Klo (Big), Tobias Kerschbaumer (Ben). http://www.schauspielhaus-graz.com)




Kommentieren