Letztes Update am Fr, 26.10.2018 11:21

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


brut Wien und Nesterval erkunden die Geheimnisse eines Bergdorfs



Wien (APA) - Immersive Theatererfahrungen sind hip. Doch nicht immer ist das drin, was drauf steht. Das Wiener Performancekollektiv Nesterval allerdings versteht es, sein Publikum tief in den Kaninchenbau seiner verästelten Produktionen zu ziehen. Der jüngste Streich „Das Dorf“ feierte am Donnerstag als Koproduktion von brut Wien seine Uraufführung.

Schauplatz ist die Buschenschank St. Peter in Wien-Hernals. Die sich an den Tischen zusammenfindenden Theaterbesucher werden gleich zum Auftakt zu „Familien“ gruppiert, die entweder die Gäste der Braut oder des Bräutigams sind. Bloß - aus der angekündigten Hochzeit ist kurzerhand ein Leichenschmaus geworden und die Festgäste machen sich auf die Suche nach den Hintergründen, die dazu geführt haben. In Kleingruppen geht es zunächst zur aufgebahrten Leiche, die von einem weißen Tuch und einer Gesichtsmaske bedeckt in der Stube liegt und geduldig die Trauergäste an sich vorüberziehen lässt.

Hat man sich einmal an die Fersen eines der vielen bäuerlichen Charaktere geheftet, wird man zu den Schauplätzen jenes Alpendorfs namens St. Peter geführt, in dem das Schweigen wichtiger ist als die Wahrheit. Wo der Glaube an Gott noch mehr wiegt als das Gesetz und wo eher ein uneheliches Kind in die Gemeinschaft aufgenommen wird als ein Fremder. Ein solcher ist Johannes (der aus Osttirol stammt), der eigentlich Anna-Lisa heiraten wollte (weswegen alle hier sind). Doch die Braut ist tot und das Dorf lädt die weit angereisten Gäste kurzerhand zum Leichenschmaus.

Im Garten der Kirche finden sich allerlei Häuschen und Verschläge, in denen die einzelnen Szenen der Geschichte spielen. Auch der Gastraum der Buschenschank ist Treffpunkt der geheimnisvollen, verschrobenen Dorfbewohner, die dem Publikum in den folgenden zweieinhalb Stunden Einblicke in jene Vorgänge geben, die zum Tod der Braut geführt haben. Sieben Tage dauert die Reise, die die Geschichte rückwärts abspult. Die Besucher finden sich in intimen Situationen wieder, sind manchmal Zaungast, manchmal Gesprächspartner der Akteure. Schließlich gilt es herauszufinden, wie es zum Todesfall kommen konnte. Welche Rolle spielen die Brauteltern? Die Besitzer der Schenke? Der ehemalige Liebhaber oder der nur geduldete Bastard des Großbauern?

Und es wäre nicht Nesterval, wenn es nicht auch einen Auftrag gäbe: An den einzelnen Stationen gilt es, sich aktiv ins Geschehen einzubringen, um sich eine der begehrten Murmeln zu sichern, die am Ende über Sieg und Niederlage der einzelnen „Familien“ (also den bunt zusammengewürfelten Publikums-Grüppchen) entscheiden. Diese wandeln - mal draußen, mal drinnen - auf den Spuren der geheimnisvollen Dorfbewohner und versuchen, durch Gespräche und beharrliches Nachfragen einen Überblick zu bekommen. Die Darsteller reagieren spontan und greifen alle auf jene große Geschichte zurück, die das Kollektiv aus einer Mischung von feministischer Literatur des 19. Jahrhunderts, österreichischen Heimatfilmen und „trostlosem Bergbauernrealismus“ geschmiedet hat.

Gewalt, Schuld und Fremdenhass sind die Ingredienzien dieses verstörenden Abends, der nach anfänglicher Ratlosigkeit sukzessive einen Sog entfaltet, dem man sich - bei Spritzer und Schnaps - bald nicht mehr entziehen kann. Das Regiekonzept von „Herr Finnland“ nach dem Buch von „Frau Löfberg“ geht auch dann auf, wenn man am Ende nicht den gesamten Durchblick hat. Ein intensives, ja immersives Theatererlebnis ist es allemal. Und im Gespräch mit den anderen „Familien“ lässt sich nach dem herzlichen Schlussapplaus mit ein wenig Willen doch ein Bogen spannen.

(S E R V I C E - Nesterval: „Das Dorf“, Koproduktion mit brut Wien. Regie: Herr Finnland, Buch: Frau Löfberg. Weitere Termine in der Buschenschank Stift St. Peter, 17., Rupertusplatz 5 am 26., 27. und 28. Oktober sowie 5. bis 7., 9. bis 12., 15. bis 20., 23., 26. und 27. November. Karten und Infos unter www.brut-wien.at)




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