Letztes Update am Sa, 27.10.2018 16:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale: „High Life“ - Verratene Körper im Nirgendwo



Wien (APA) - Babys im Weltraum kennt das Science Fiction-Genre üblicherweise nur in menschelnden Episoden von „Star Trek“. In „High Life“ von Claire Denis gellt gleich zu Beginn Säuglingsgeschrei durchs All: Der Auftakt zu einem intensiven Vertreter des Genres, der von Verrat erzählt, von der Unmöglichkeit menschlicher Nähe und gleichzeitig der Sehnsucht nach Reproduktion.

Monte (Robert Pattinson) ist der letzte Überlebende auf Raumschiff Nummer 7 und alleinerziehender Vater. Während er an der Außenhülle herumschraubt, hört er seiner Tochter Willow beim Brabbeln zu. Später füttert er sie, flickt die Stoffpuppe und bringt ihr ein wichtiges Wort bei: „Tabu“.

Montes und Willows einsames Leben zu zweit ist die Rahmenhandlung von „High Life“. Sie sind die letzten Überlebenden einer Crew, die losgeschickt wurde, um Energie von Schwarzen Löchern abzuzapfen. Offiziell zumindest. Denn das Ganze ist, erfährt man in einer Rückblende, bloßer Betrug. Ihre wahre Mission ist es, in den unendlichen Weiten zu verschwinden.

Rekrutiert wurden folglich auch keine fitten Astronauten, sondern kriminelle Elemente, die man vor die Wahl stellte: Lebenslänglich, Todeszelle oder Weltraum. Dass man mit der Entscheidung für letzteres lediglich in eine Kombination aus Option eins und zwei einstimmte, dämmert den Insassen erst langsam, dann aber gewaltsam.

Offene Meuterei (der Kapitän - Lars Eidinger - ist ohnehin bald abgemeldet) bricht indes keine aus. Dafür wirkt der Psychoterror von Dr. Dibs (Juliette Binoche) lange Zeit zu gut. Als postmoderne Vision der verrückten Wissenschafterin hat sich Dibs die „Hingabe zur Reproduktion“ auf die Fahnen geschrieben. Obsession wäre zutreffender: Sie inseminiert die Frauen in der Crew mit Samen-“Spenden“ der Männer, stets in der Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Ihren eigenen körperlichen Lustgewinn holt sie sich auf einer Masturbationsmaschine, schlicht „Fuck Box“ genannt. Wem das alles nicht verstörend genug ist: Dibs selbst büßt eine Strafe ab - sie hat ihre eigenen Kinder ermordet.

Monte wiederum verweigert die Herausgabe seines Spermas, er habe sich zur Keuschheit entschlossen, lässt er wissen. Dibs schreitet zum Samenraub, begünstigt durch Montes offenbar sehr gesunden Schlaf. Und siehe da: Boyse (Mia Goth), ebenfalls im Schlaf inseminiert (eine verstörende Spiegelung eines früheren Vergewaltigungsversuchs), bringt Willow zur Welt. Und die ist bald danach allein mit Monte, nach einer Spirale der Gewalt und Selbstverletzung, die alle anderen das Leben kostet.

Nicht im Bild bei alldem: Die Gesellschaft, die Raumschiff Nummer 7 auf seine Reise geschickt hat. Und doch allgegenwärtig, und gar nicht allzu weit entfernt von unserer Gegenwart. Denn Denis zeichnet keine futuristische Zukunft. Das Raumschiff ist in Beige- und Braun-Tönen gehalten und sieht von außen ungefähr so spacig aus wie eine Schuhschachtel. Die Computer versprühen eine charmante Commodore 64-Optik. Kein Holodeck, kein HAL 9000, keine Aliens, nur Menschen, ihre Körper und Körperflüssigkeiten, ihre Schuld und ihr Begehren, und das ausweglose Gefühl des existenziellen Betrugs. Dass Monte und die mittlerweile halbwüchsige Willow am Ende einen Ausweg, eine Flucht in die Schönheit finden, ist ein fast schon kitschiges Ende in dieser von extremen Nahaufnahmen dominierten Geschichte der menschlichen Verzweiflung.

Eine Schönheit, die übrigens vom dänischen Künstler Olafur Eliasson gestaltet wurde, der als künstlerische Berater für die Optik insgesamt verantwortlich zeichnete. Das merkt man den Lichtspielen in den Raumschiff-Gängen an, auch dem üppig wuchernden Bord-Garten, den Eliasson jederzeit in eine Kunsthalle übersiedeln könnte. Am hypnotischen Soundtrack waren die Tindersticks beteiligt.

Ein überzeugendes Gesamtpaket, und so ist „High Life“, Denis‘ Genre-Debüt und zudem ihr erster englischsprachiger Film, eine universelle Erzählung ebenso wie schon jetzt ein höchst gelungener Vertreter des SciFi-Genres, das Kritiker nicht zu Unrecht an Großmeister wie Andrei Tarkowski denken ließ.

(S E R V I C E „High Life“ von Claire Denis ist bei der Viennale am Sonntag um 20.30 Uhr im Gartenbau-Kino zu sehen, voraussichtlich in Anwesenheit der Regisseurin. https://www.viennale.at/de/film/high-life )




Kommentieren