Letztes Update am So, 04.11.2018 08:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale - Sara Fattahi: „Habe Hoffnung vor langer Zeit verloren“



Wien (APA) - Mit „Chaos“ der in Wien lebenden Syrerin Sara Fattahi hat heuer in Locarno in der Wettbewerbssektion der zeitgenössischen Filmemacher den Sieg davon getragen und ist nun auf der Viennale zu sehen. Die Regisseurin sprach vor der Premiere mit der APA über die fehlende Öffentlichkeit von Frauen in Syrien, ihre eigenartigen Gefühle gegenüber Wien und die Frage, was ein Film mit einem Kind zu tun hat.

APA: „Coma“ war ein sehr persönlicher Film, in dem Sie Frauen aus Ihrer Familie ins Zentrum rückten. Wie persönlich ist „Chaos“?

Sara Fattahi: Vielleicht ist „Chaos“ noch weit intimer als mein Erstling. Eine der drei Frauen darin ist die beste Freundin meiner Mutter, die zweite ist meine Freundin und der dritte Charakter bin praktisch ich. Da ich mich ja aber selbst nicht interviewen kann, habe ich eine Schauspielerin engagiert, die gleichsam meine, respektive Ingeborg Bachmanns Doppelgängerin spielt. Es geht dabei um meine Empfindung, im Exil zu leben - wobei das mehr mit dem inneren Exil zu tun hat.

APA: Sie kannten ihre Protagonistinnen also schon vor dem Dreh. War ihre Lebensgeschichte der Ausgangspunkt für Ihr Filmprojekt oder haben Sie Ihr Konzept unabhängig davon entwickelt?

Fattahi: Ich hatte die Grundidee, die sich langsam entwickelt hat. In der Zeit habe ich meine Familie in Damaskus besucht und von dem Verlust gehört, den die Freundin meiner Mutter erlitten hat. Mir ist klar geworden, dass sie das perfekte Symbol für den Verlust der Sprache respektive die bewusste Entscheidung zum Schweigen ist. Und meine Freundin hat viele ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht. Und so entwickelt sich langsam die Struktur von „Chaos“ über die Jahre hinweg.

APA: Wie offen war der Verlauf des Drehs in der konkreten Auseinandersetzung mit Ihren Protagonistinnen?

Fattahi: Ich folge da immer meiner Eingebung. Ich muss meine Kamera dort aufbauen, wo sie in der idealen Distanz zu meinem Gegenüber steht. Ich möchte meinen Charakteren ihren Raum, ihre Privatsphäre lassen und ihnen zugleich nahe sein. Das ist aber natürlich nicht einfach, wenn man mit Menschen arbeitet, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. Und dann kommt noch hinzu, dass ich mit ihnen befreundet bin. Man muss also die Kontrolle über den Prozess behalten, was nicht ganz einfach ist. Das ist kein Small Talk bei einem Kaffee. Ich möchte ja, dass sich meine Gesprächspartner so fühlen, als würde sie niemand beobachten, als wäre keine Kamera präsent. Das dauert manchmal eine ganze Weile.

APA: Ihr Werk ist durch einen sehr markanten essayistischen Stil gekennzeichnet, der sich von den üblichen Talking-Heads abhebt. Distanzieren Sie sich bewusst von einer Fernsehästhetik?

Fattahi: Es geht mir darum, Kino zu machen. Ich komme ja von einem künstlerischen Hintergrund - Filme machen ist für mich wie ein Bild malen. Es geht um Licht und Schatten. Ich will keine Ereignisse aufzeichnen, sondern Gefühle.

APA: „Chaos“ ist Teil 2 einer geplanten Trilogie. Wie wird es weitergehen?

Fattahi: „Coma“ war ein Film über drei Frauen in Damaskus während des Krieges, „Chaos“ handelt von drei Frauen in drei verschiedenen Städten und der dritte Teil wird nun ein Spielfilm. Da geht es um eine Frau, die versucht, in ihr Heimatland zurückzukommen und dafür drei Anläufe braucht. Da arbeite ich derzeit am Drehbuch.

APA: Die gesamte Trilogie wird also ohne männliche Protagonisten auskommen. Geht es Ihnen speziell um einen weiblichen Blick? Sehen Sie sich als feministische Filmemacherin?

Fattahi: Ich werde nicht gerne nach meinem Geschlecht eingeteilt. Das limitiert meinen Bewegungsspielraum, weil man in eine Schublade als „Frauenregisseurin“ gesteckt wird. Auf der anderen Seite sind die Frauen in Syrien in den vergangenen Jahren nicht präsent im Film. In den Massenmedien kommen sie nicht vor. Insofern ist es gut und wichtig, auch diese weibliche Sicht zu zeigen.

APA: Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen als Syrerin in Österreich?

Fattahi: Ich bin Syrerin und lebe nun in Europa. Und ich bekomme mit, wie die Menschen reagieren, wenn sie das hören. Meist in Richtung „Wow, Du trägst gar keinen Schleier!“. Natürlich nicht. Wir sind eine moderne Gesellschaft! Aber die Leute haben Bilder der Massenmedien im Kopf, die anderes zeigen. Deshalb möchte ich in meinem Film auch die innere Welt der Frauen ins Zentrum rücken, nicht unbedingt das, was um sie herum vorgeht.

APA: Bei Ihrem Alter Ego im Film spielt Ingeborg Bachmann eine Rolle. Welchen Bezug haben Sie zu ihr?

Fattahi: Ich kannte ihr Werk schon aus Syrien, wo es seit langem Übersetzungen gibt. Als ich dann nach Wien kam, habe ich festgestellt, dass sie die perfekte Brücke ist für mich zu dieser neuen Stadt. Sie hat viel darüber geschrieben, wie es sich im inneren Exil anfühlt und wie es ist, als Fremde in einem neuen Land zu sein. Deshalb konnte ich ihre Texte perfekt für meinen Film verwenden, sie als Doppelgängerin einsetzen.

APA: Bachmann ist also auch Ihre Verbindung zu Österreich?

Fattahi: Ich hatte immer etwas eigenartige Gefühle gegenüber Wien. Und sie hat mir durch ihre Schriften erklärt, wieso Wien so auf mich wirkt.

APA: Können Sie definieren, was Ihnen so fremd vorkommt?

Fattahi: Ich kann das nicht gut beschreiben, weil man Gefühle nur schwer benennen kann. Wenn ich Bachmann lese, wird mir aber klar, warum ich hier manchmal das Gefühl habe, dass ich ersticke - und das, obwohl sie Österreicherin war! Ich lebe hier, und Wien könnte meine zweite Heimat sein. Zugleich fühle ich mich immer noch als Fremde, obwohl ich schon über zweieinhalb Jahre hier bin.

APA: Wo sehen Sie Ihre persönliche Zukunft als Künstlerin?

Fattahi: Ich habe vor langer Zeit aufgehört, über die Zukunft nachzudenken. Ich kann nur von jetzt bis zum Abend vorausschauen. Keine Ahnung, was morgen passiert.

APA: Ist das eher ein Gefühl von Freiheit oder von Verlorenheit?

Fattahi: Alles, was ich bisher gemacht habe, hat einen Wendepunkt für mich bedeutet. „Coma“ hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Wer weiß, was mit „Chaos“ passiert, wohin es mich führt?! Ich habe kein Zugehörigkeitsgefühl mehr. Ich denke nicht mehr an die Vergangenheit, die ich hinter mir gelassen habe. Und die Zukunft liegt nicht in meiner Hand. Das Einzige, das mir wirklich gehört, ist der Moment.

APA: Haben Sie die Hoffnung, eines Tages als Regisseurin auch Filme machen zu können, die keinen so direkten persönlichen Bezug zu Ihnen haben wie „Chaos“?

Fattahi: Das kann ich schwer sagen. Ich habe die Hoffnung vor langer Zeit verloren. Ich versuche, mich ganz auf ein Projekt zu konzentrieren und dann an nichts anderes zu denken.

APA: Wie geht es Ihnen, wenn Sie als Filmemacherin einen Film fertiggestellt haben und ihn in die Welt entlassen. Ist das für Sie eine Erleichterung? Oder auch verbunden mit der Bürde des Loslassens?

Fattahi: Das ist wie bei einem Kind. Einerseits ist man traurig, weil man es ziehen lassen muss, andererseits freut man sich, weil es nun in die Welt hinausgeht. Ich habe da also praktisch den Blick einer Mutter. (lacht)

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - www.littlemagnetfilms.com/films/chaos-by-sara-fattahi/)




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