Letztes Update am Mo, 05.11.2018 08:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale: „Touch Me Not“ - Selbstbewusstsein durch Sexualität



Wien (APA) - Mit „Touch Me Not“ feiert die rumänische Regisseurin Adina Pintilie ihr Langfilmdebüt, für das sie die Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet hat. Im Film erforscht sie Intimität und das Verhältnis zum eigenen Körper als Quell persönlichen Selbstbewusstseins. Sie greift aber zu kurz, so dass der Film trotz interessanter Ansätze nur an der Oberfläche kratzt und kaum Relevantes erkundet.

Der Film, der bei der Viennale am 6. November im Metro Kinokulturhaus zu sehen ist, begleitet in langen 125 Minuten die Figuren und die Regisseurin bei der emotionalen Selbstfindung, die keine klar strukturierte Handlung aufweist. Dabei verwischen die Grenzen zwischen Dokumentation und Spielfilm, denn der Zuschauer weiß nicht, was nun gespielt und was echt ist. Hauptfigur Laura (Laura Benson) hat ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und ihrer Sexualität und darum auch emotionale Barrieren. Sie probiert verschiedene Callboys aus, mit denen sie ihr Verhältnis zu ihrem Körper erkundet, ohne dabei zunächst viel physischen Kontakt zu haben. Währenddessen erforschen auch andere Figuren ihre Körper, ihre Intimität und Sexualität im Rahmen von Therapien, um sich selbst zu finden und zu akzeptieren.

Die Kameraarbeit ist imponierend: Wenngleich die intensiven Nahaufnahmen von Haut, Haaren, Nippeln und Geschlechtsteilen anfangs noch befremdlich wirken, haben sie bald eine beruhigende und therapeutische Wirkung, die die Natürlichkeit des Körpers jenseits gesellschaftlicher Normen darlegt. Die ruhigen Einstellungen mit viel weiß und kaum starken Farben vermitteln dabei zwar Ruhe, bleiben jedoch freudlos und klinisch. Wirkliche Intimität entsteht kaum.

Eindrucksvoller Höhepunkt des Films sind die Aussagen des schwerbehinderten Christian (Christian Bayerlein), der an spinaler Muskelatrophie leidet und sich kaum selbst bewegen kann. Er spricht über seine Lebensfreude und darüber, dass er seinen Körper akzeptiert, wie er ist. Das ist tatsächlich inspirierend, so dass man sich als Zuschauer fragt, warum der Film nicht als Dokumentation über Bayerlein angelegt ist. Das hätte nämlich echte Relevanz.

Das große Problem des Films ist die Reduktion von Selbstvertrauen, Intimität und der Akzeptanz des eigenen Körpers auf Sexualität. Diese dient im Film als Allheilmittel und gipfelt in explizit dargestellten Ausschweifungen in einem BDSM-Club, bei denen Schmerz als besondere Erfahrung gezeigt wird, die es zu erforschen gilt. Pintilie gibt alle möglichen exotischen Sexualpraktiken als Selbsterkenntnis aus und vernachlässigt völlig jegliche geistige Entwicklung, die für die Selbstachtung und das Selbstbewusstsein mindestens genauso wichtig sind. Stattdessen frönt man Fesselspielen und Gruppensex oder sitzt weiß gekleidet in einem weißen Raum und redet über seine Gefühle - eine Dystopie.

Weil der Film keine echte Dokumentation ist, verliert „Touch Me Not“ angesichts der Komplexität des Themas die Relevanz für den Zuschauer und entlarvt sich selbst als seichtes, pseudointellektuelles Konstrukt. Das ist sehr schade, denn Intimität, Selbstachtung und Selbstvertrauen sind es absolut wert, eindringlich filmisch erforscht zu werden. Stattdessen muss man offensichtlich inszenierte explizite Sexualdarstellungen über sich ergehen lassen, wenngleich der Anblick von Genitalien im Film mittlerweile niemanden mehr erschüttert. Freilich ist Sexualität ein wichtiger Baustein für ein gesundes Selbstbewusstsein. Die Reduktion darauf ist jedoch fatal und gefährlich, denn sexuelle Freizügigkeit ist bei vielen Menschen vielmehr ein Symptom mangelnden Selbstbewusstseins.

Mit „Touch Me Not“ gibt Pintilie eine sehr vereinfachte Antwort auf eine extrem komplexe Problematik, wobei Kernbereiche wie geistige und mentale Aspekte als wichtige Beiträge zur Selbstachtung völlig außenvorgelassen werden. Eine vergebene Chance, von der man die Finger lassen sollte.

(S E R V I C E - „Touch Me Not“ läuft bei der Viennale am 6. November um 18.30 Uhr im Metro Kinokulturhaus; www.viennale.at/de/film/touch-me-not)




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