Letztes Update am Mo, 05.11.2018 09:51

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neue Bücher - Weihnachtsgeschichten für die Vorweihnachtszeit



Wien (APA) - Von Weihnachtskrimis bis zu mehr oder weniger lustigen Betrachtungen über allerlei turbulente Geschehnisse im Advent oder unter dem Christbaum - Bücher über Weihnachten haben sich zu einem ganz eigenen Genre entwickelt. Geschenkt oder gelesen werden sie freilich in den Wochen davor. Im Folgenden eine kleine Auswahl an ungewöhnlichen Neuerscheinungen, geeignet als Mitbringsel oder zur Einstimmung.

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Weihnachten im Stress - Petra Hartlieb über die umsatzträchtigste Zeit des Jahres

Dass sich die Buchhandlung „Hartliebs Bücher“ in Wien-Währing in der Weihnachtszeit in ein Tollhaus verwandelt, in dem die Angestellten einem ultimativen Belastungstest unterzogen werden, weiß man spätestens, seit Petra Hartlieb vor vier Jahren in „Meine wundervolle Buchhandlung“ von Freud und Leid des Buchhändlerinnenlebens berichtet hat. Weil die Geschichten aus der umsatzstärksten Zeit des Jahres auch für Branchenfremde glänzend als Parabel gemeinsamer Katastrophenbewältigung dienen, bei denen gelebte Solidarität Kunden, Freunde und Buchhändler noch enger zusammenschweißt, gibt es nun das monothematische Sequel „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“ mit noch mehr Anekdoten und Erlebnisberichten aus dem vorweihnachtlichen Arbeitschaos.

„Ich mag keine BuchhändlerInnen, die ständig jammern.“ Das kommt inmitten der farbigen Schilderungen totaler Überforderung etwas überraschend. Doch für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, das Leid ein wenig zu mildern, hat Petra Hartlieb eine wichtige Weihnachtsbotschaft: „Also, ein bisschen Mitleid ist schon okay, gerade so viel, dass die Leute nett zu uns sind, vor allem im Dezember, Kekse vorbeibringen oder Mandarinen, und auch gegen einen Topf Suppe haben wir bekanntlich nichts einzuwenden. Aber wir sollten ihnen keinesfalls so leidtun, dass sie sich vor Weihnachten nicht in den Laden trauen und ihre Bücher bei Amazon bestellen oder gar keine Bücher verschenken, weil sie uns schonen wollen. Das wollen wir nicht!“ Und weil das Weihnachtsgeschäft ja eigentlich noch gar nicht so richtig begonnen hat, findet Petra Hartlieb morgen, Dienstag, sogar noch Zeit, bei einer Lesung mit musikalischer Begleitung von Kurt Gold ihr Buch selbst vorzustellen. (Petra Hartlieb: „Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung“, DuMont, 160 Seiten, 18,40 Euro, ISBN 978-3-8321-9887-9, Lesung: 6.11., 19.30 Uhr, Café Schmid Hansl, Wien 18, Schulgasse 31)

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Weihnachten in Handschellen - Maruan Paschen erzählt das Fest anders

Rasant, wild und ungewöhnlich. So erzählt der 1984 in Hamburg geborene Autor Maruan Paschen in „Weihnachten“ von der jährlichen weihnachtlichen Zusammenkunft zwischen dem gleichnamigen Protagonisten, seiner alleinerziehenden Mutter und deren drei Brüdern. Kuriose Onkel erzählen abstruse Geschichten aus ihrer Vergangenheit, eine Mutter, die bei all dem gut zuhört, und Fondue gibt es auch. Dies alles klingt im ersten Moment für viele wohl nach einem durchaus vertrauten Weihnachtsfest-Setting. Doch dass bei dem genannten Festmahl traditionell alle Anwesenden mit Handschellen zum Teil aneinander gefesselt sind, erscheint dann doch ein wenig skurril.

Die Herkunft dieser Tradition erklärt der Autor mit einer rekordverdächtig kurzen Liebesgeschichte, die sich zwischen Paschens Hauptfigur und einer flüchtigen Bekanntschaft im Zeitraum eines Einkaufsbummels im Kaufhaus abspielt und mit einer Einladung zum Weihnachtsfest in Handschellen endet. Ansonsten stehen mehr die Geschichten seiner Onkel und der restlichen Familie im Vordergrund. Paschens Roman fliegt mit hoher Geschwindigkeit von Seite zu Seite. Er ist kurzweilig, ohne ein gewisses Maß an Tiefgründigkeit vermissen zu lassen. Die Herausforderung als Leser besteht lediglich darin, Schritt zu halten und sich vom konventionellen Stil einer Weihnachtsgeschichte zu befreien. („Weihnachten“ von Maruan Paschen, Matthes & Seitz, 196 Seiten, 20,40 Euro, ISBN 978-3-95757-629-3)

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Weihnachten zwischen Slapstick und Tragödie - Ludwig Roman Fleischer über Werte und Wellness

Der Wiener Autor Ludwig Roman Fleischer (66) darf bereits als Routinier der Weihnachtsgeschichten gelten. Nach „Herbergssuche“ (1995) und „Letzte Weihnachten“ (2000) ist „Bad Weihnachten“ bereits sein dritter Band mit „Erzählungen im Lärm der stillsten Zeit“. Der Titel funktioniert übrigens ähnlich wie Kurt Palms „Bad Fucking“ und hat mit Englisch nichts zu tun: In der titelgebenden Erzählung machen findige Gemeindevorsteher aus einem beschaulichen, doch unter schlechter Wirtschaftskraft leidenden Städtchen einen Ganzjahres-Weihnachtsbetrieb für Touristen aus aller Welt, inklusive Weihnachts-Wellnessbad mit Bademeistern im Weihnachtsmannkostüm.

Die Bandbreite von Fleischers rund zweieinhalb Dutzend Geschichten ist erstaunlich - von sinnlich bis besinnlich, von satirisch bis nachdenklich, von traditionell bis unkonventionell. Er versteht es, Figuren zu zeichnen und uns an ihrer Einsamkeit, ihrer Tragik, ihrem Unvermögen teilhaben zu lassen. Ein attraktiver Psychologielehrer unterrichtet Sexualerziehung nicht nur in der Theorie, ein Dorfpfarrer verliert bei einem Autounfall sein Gedächtnis, ein Kärntner Bauer wird Opfer des nationalsozialistischen Eugenik-Wahnsinns - nicht immer haben die Erzählungen auf den ersten Blick mit Weihnachten zu tun, und doch passen sie mit ihrer Botschaft wunderbar dazu. Wenn sich Fleischer am Ende auch am heutigen Neusprech versucht, dann geht das allerdings nicht wirklich auf. Ein Weihnachtsevangelium, das von Joey, Marie und Dschiesas erzählt, ist eher kein must. Sondern ein no go. (Ludwig Roman Fleischer: „Bad Weihnachten“, Sisyphus, 142 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-903125-33-9)




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