Letztes Update am Mo, 05.11.2018 11:36

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Historische Liebesgeschichte: Philipp Blom erzählt von seiner Geige



Wien (APA) - Der Titel ist so etwas wie ein bildungsbürgerlicher Verführungscode: Goethe macht es, Blom macht es, als Zeitgenosse, der uns mitnehmen möchte. „Eine italienische Reise“ heißt das neue Buch von Philipp Blom. Es ist eine Liebesgeschichte der anderen Art - die autobiografische Romanze mit einem Instrument, eine Spurensuche zur Herkunft seiner Geige. Es geht um Musik, um Handwerk und um Fetischismus.

Philipp Blom hat als Historiker und Autor in der jüngsten Zeit eine Publikationsfrequenz vorgelegt, die fast schon skeptisch macht. Wirft da einer einfach rasch zu Papier, was ihm soeben durch den Kopf gegangen ist, vertrauend auf seinen populären Namen und das Recycling seiner Ideen? Das Gegenteil ist der Fall. Das neue Buch - teils Sachbuch, teils Literatur, teils Autobiografie - strotzt vor Recherche, dokumentiert Reisen, Korrespondenzen, Freundschaften, Vorgeschichten, die sich über Jahre erstrecken. Und es verwebt die Kenntnis eines Historikers, die Melodramatik eines persönlichen Liebhabers und das Geschick des Erzählers zu einem eitlen Traum von intellektueller Kaminlektüre.

Philipp Blom ist nämlich nicht nur Geistesgeschichtler, sondern auch Geiger, kein Profi zwar, und es ist nicht zuletzt die Geschichte dieses speziellen Scheiterns, die er erzählt, aber immerhin ein gut ausgebildeter, fleißiger, täglich spielender Laie, dem das Instrument weit mehr als ein Hobby ist. In der Werkstatt eines bekannten Wiener Geigenbaumeisters und -händlers, der ihm auch bei der Buchpräsentation im Wiener Konzerthaus am 20. November zur Seite stehen wird, entdeckt er eine Geige und verliebt sich. Der Meister selbst kann die Herkunft des Instruments nicht genau zuordnen. Wahrscheinlich, lautet die von vielen Experten wiederholte Einschätzung, ein Handwerker aus dem Allgäu, der in Norditalien baute. Die Reise beginnt.

Sie führt tief ins barocke Alltagsleben, in die Geschichte des Instrumentenbaus, in die Technologie der Holzaltermessung, durch die Straßen von Venedig, in die Mythologie des Totentanzes, in die Kompositionskunst Bachs für Solovioline, sie führt in verwinkelte Werkstätten von Geigenbauern in Mailand, London und Venedig, damals und heute, in die Machenschaften im Handel mit edlen Geigen - und in die Imagination. Denn was Blom nicht weiß, denkt er sich - gut ausgeschildert - aus. Erträumt den jungen Hanns, der das Schicksal vieler dokumentierter Geigenbaulehrlinge teilt und aus dem deutschen Füssen die Alpen quert, um ein Venedig, in Mailand, in Cremona vielleicht, eine Stelle in einer Werkstatt anzutreten. Ein Kind noch, das später, selbst schon Meister, vor 300 Jahren eine Geige gebaut haben wird. Diese Geige, die der Autor als seine intime Partnerin, als Verlängerung des eigenen Körpers empfindet. Und die ihn an jenes unbekannte Kind bindet wie an einen vergessenen Urahnen.

Es ist deshalb auch eine sehr persönliche Reise, mit vielen Exkursen in die Autobiografie des Autors, der als Kind von Berufsmusikern aufgewachsen ist und mit dem Geigenspiel sowohl ein leidenschaftliches, als auch ein ambivalentes Verhältnis hat. Die Qualen des Vorspielens kommen da ebenso uneitel zur Sprache, wie die Fehltritte und Sackgassen bei seiner Spurensuche. Selbst spielen wird Blom bei der Buchpräsentation im Konzerthaus also vermutlich nicht - mit Philharmoniker-Konzertmeister Rainer Honeck ist allerdings auch in diesem Bereich für höchste Qualität gesorgt.

(S E R V I C E - Philipp Blom: Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute. Hanser Verlag, 320 Seiten, 26,80 Euro. Buchpräsentation am 20. November, 19.30, Wiener Konzerthaus.)




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