Letztes Update am Mo, 05.11.2018 12:10

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sängerknaben-Chef Gerald Wirth: Komponiere am liebsten im Flugzeug



~ --------------------------------------------------------------------- KORREKTUR-HINWEIS In APA046 vom 05.11.2018 muss es im ersten Absatz, erster Satz richtig heißen: Am Freitag (9. November) (nicht: Donnerstag) --------------------------------------------------------------------- ~ Wien (APA) - Am Freitag (9. November) feiert im Wiener MuTh mit „Die Reise des kleinen Prinzen“ die Neufassung von Gerald Wirths Kinderoper ihre Premiere. Die APA sprach mit dem Komponisten und Sängerknaben-Präsidenten über Pläne für eine Dependance in Korea, die Ausbau des hauseigenen Labels und das Komponieren im Flugzeug.

APA: Praktisch Ihre gesamte Vita ist mit den Sängerknaben verbunden. Wäre ein Leben ohne die Sängerknaben für Sie überhaupt vorstellbar?

Gerald Wirth: Vorstellbar ist vieles - aber es gibt ja so vieles, das man nicht machen kann, weil die Zeit fehlt. Ich muss für mich einfach abwägen, was das Wichtigste ist. Klar ist, dass die Sängerknaben immer das Primat haben. Meine wichtigste Funktion ist die des künstlerischen Leiters. Dass jetzt erstmals in der Geschichte diese Funktion mit der des Präsidenten zusammengefasst ist, bringt viele Vorteile und manche Schwierigkeiten. Aber da überschneidet sich vieles.

APA: Wann kommen Sie zum Komponieren?

Wirth: Am Wochenende, in der Nacht und im Flugzeug. Da ist man abgegrenzt von allen anderen Dingen, kann nicht telefonieren und sich stattdessen voll konzentrieren. Wenn ich an einem Projekt arbeite, sind im Flugzeug die Zeiten, an denen ich mir die grundsätzlichen Fragen überlege. Die Ruhe finde ich hier im Büro nicht, weil logischerweise alle fünf Minuten eine Unterbrechung kommt.

APA: Schreiben Sie noch auf Papier oder am Computer?

Wirth: Ich arbeite tatsächlich noch viel mit Notizen - nicht zuletzt, weil ich ein optischer Typ bin. Die Emotionen, die man ausdrücken will, kann man sehr gut in einem Flugzeug motivisch festlegen. Und das funktioniert am besten auf Papier. Letzten Endes übertrage ich es dann aber doch auf den Computer. Wie viele andere Kollegen werde ich meist erst eine Stunde vor der Probe fertig - und da kann man mit dem Computer die Noten schnell vervielfältigen. (lacht)

APA: Am Donnerstag feiert Ihr „Kleiner Prinz“ in der Neufassung Premiere. Was haben Sie geändert?

Wirth: Die Erzählerfigur ist nun als Sänger und Sprecher positioniert. Da haben wir den wunderbaren Michael Schade zur Verfügung - wenn wir ihn nicht singen lassen würden, wäre das ein Sakrileg.

APA: Ist das das postmoderne Tonsetzerverständnis, das ein Werk nicht als abgeschlossenen Corpus begreift?

Wirth: Das kommt bei mir oft vor. Das war aber in der Musikgeschichte immer schon so. Ich glaube, dass gerade die Genies in ihren Gedanken viel flexibler waren, als wir sie heute betrachten. Natürlich ist es wichtig, nichts hinzuzufügen. Der extrem puristische Ansatz an ihre Werke fällt mir aber oft schwer zu verstehen.

APA: Ein Großteil Ihrer Werke ist für Kinder geschrieben. Was unterscheidet diese Musik von der Arbeit für Erwachsene?

Wirth: Grundsätzlich mache ich da keinen Unterschied. Kinder sind sehr viel offener im Bezug auf Musiksprachen und verstehen auch komplexe Thematiken. Es gefällt ihnen oder nicht - ob das Rock, Volksmusik oder Klassik ist. Diesen befreiten Zugang finde ich sehr erleichternd. Kinder sind immer sehr ehrlich, was es nicht immer sympathisch macht. Hier wird mir sehr klar gesagt, ob sie etwas entsetzlich finden. Damit muss man als Komponist umgehen können und natürlich auch seine eigene Meinung haben.

APA: Das MuTh hat sich in den vergangenen sechs Jahren im Wiener Musikleben etabliert. Könnten Sie als Sängerknaben hier noch mehr Veranstaltungen beisteuern?

Wirth: Nein, wir sind quantitativ an dem Limit, das wir machen wollen. Unsere Kinder müssen ja auch in die Schule gehen und brauchen Zeit, herumzurennen. Wir wollen einen pädagogischen Mehrwert schaffen durch die Kinderopern - da machen sie Erfahrungen und Ausbildungsaspekte.

APA: Ein weiterer Aspekt ist der Ausbau des sozialen Engagements unter Ihrer Ägide wie etwa mit dem Superar-Projekt. Steht dahinter auch das Ziel, dem „Sound of music“-Problem zu entkommen, dass Sie im Ausland stärker wahrgenommen werden, als im Inland? Geht es auch darum, weg vom Image der Eliteschmiede zu bekommen?

Wirth: Die Sängerknaben waren immer schon einer Mix aller sozialer Schichten. Aber natürlich kostet eine Organisation wie die unsere Geld, das wir selbst einspielen müssen. Wir haben ein Know-how, das sich über die Jahrzehnte angesammelt hat, das wir zum Wohl von anderen weitergeben können. Umgekehrt profitieren wir davon, dass die Menschen die Musik entdecken, die wir ohnedies lieben. Und schließlich gibt es den Aspekt, dass wir nicht reduziert darauf werden, dass es Konzerte für Touristen gibt, sondern auch ein Zeichen sein, dass wir mit Österreich und der Stadt Wien verbunden sind.

APA: Zugleich bauen Sie die Marke Sängerknaben aus und haben seit zwei Jahren in Hongkong eine Dependance. Ist das ein Modell, das weltweit Schule machen kann?

Wirth: Die Vienna Boy‘s Choir Music Academy aus Hongkong ist eine Art von Partnerschaft, die ich mir gut für andere Länder vorstellen kann. Da gibt es auch konkrete Ansätze.

APA: Das funktioniert nach dem Franchise-Prinzip?

Wirth: Im erweiterten Sinne. Wir bieten Weiterbildung für die Lehrer und kümmern uns um das Curriculum. Organisiert muss es aber vor Ort werden. Nur den Namen wollen wir nicht hergeben. Wenn es da einen Chor auf der Welt gebe, der nicht die Qualität hätte, wäre das gefährlich für unsere eigene Reputation. Nicht zuletzt sind wir wirtschaftlich auch sehr von der Konzerttätigkeit weltweit abhängig. Deshalb gehen wir hier vorsichtig vor und werden nicht in den nächsten drei Jahren die Welt mit Vienna Boy‘s Choir Music Academys überschwemmen.

APA: Was kommt konkret als nächstes?

Wirth: In Korea werden wir etwa 2019 voraussichtlich etwas eröffnen. Es hat auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Für unsere Marke und unser Know-how erwarten wir Lizenzgebühren. Das sind zwar keine riesigen Einnahmen, weshalb uns der weiterführende Aufbau eines Publikums wichtiger ist. Wer eine Music Academy besucht, wird später auch mit seiner Familie Konzerte besuchen. Als Präsident muss ich auch sicherstellen, dass die Sängerknaben auch in 30 Jahren noch nach Korea fliegen können.

APA: Zugleich ist nun Ihre neue CD am Markt mit Klassikeraufnahmen von Strauß und Co. Ist das eine pragmatische Entscheidung, um die Verkaufszahlen zu lukrieren?

Wirth: So ist es. Wir haben eine tolle Vereinbarung mit der Deutschen Grammophon. Aber auch für solch ein renommiertes Label sind die Zeiten herausfordernd. Zeitgenössische Musik und spezielle Projekte sind das, was uns am meisten am Herzen liegt, aber kein großes Publikum erreichen. Das müssen wir selbst machen.

APA: Sollen diese Herzensprojekte über Ihr hauseigenes Label forciert werden?

Wirth: Wir haben bereits eine CD auf einem eigenen Label veröffentlicht (Wiener Sängerknaben-Weihnacht, Anm.). Und das ist sicher ein verstärktes Thema für die Zukunft. Das Ziel ist, das Label auszuweiten in Richtung Streaming, Download. Das ist ein evolutionärer Prozess.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(B I L D A V I S O - Fotos von Gerald Wirth wurden am 16. Juni 2016 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)




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