Letztes Update am Mo, 05.11.2018 19:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Der Berg ruft: Marie Gamillschegs Debütroman „Alles was glänzt“



Wien (APA) - Oberflächlich gesehen tut sich nicht viel in „Alles was glänzt“, dem Debütroman von Marie Gamillscheg. Die 1992 geborene Grazerin, die als Journalistin in Berlin lebt, widmet sich einem kleinen, einst vom Bergbau geprägten Ort mit immer weniger Einwohnern. Das zentrale Ereignis ist der tödliche Autounfall eines jungen Mannes. Doch im Untergrund rumpelt es gefährlich. Der ausgehöhlte Berg ruft.

Gamillschegs Buch lebt von Gegensätzen: glorreiche Geschichte und trostlose Gegenwart des Dorfes, das Leben mit und der Raubbau an der Natur, Stadt und Land, die scheinbare Ruhe und der sich bereits ankündigende Sturm, aber auch die Naivität des Erzähltons, der immer wieder den doppelten Boden erkennen lässt, den die Autorin in ihrer Geschichte eingebaut hat. Da gibt es große, wolkige Metaphern, doch nicht „alles, was glänzt“, muss zur Goldader führen. Geschickt hat Gamillscheg auch viel taubes Gestein angehäuft und überlässt es dem Leser selbst, sich damit herumzuschlagen. Aber Vorsicht: „Überall Gänge, Löcher, Höhlen. Stollen und Schächte.“

In aller Ruhe macht der Roman uns bekannt mit den Protagonisten des Ortes und den zentralen Schauplätzen. Im maroden Schaubergwerk wartet die alte Sage vom Blintelmann wieder darauf, ins rechte Licht gerückt zu werden. Im Espresso, einst Mittelpunkt des dörflichen Lebens, versucht die Wirtin Susa, den Geist der Dorfgemeinschaft weiterleben zu lassen. Der alte Wenisch weiß, wie das ist, alleine zurückzubleiben. Am Hauptplatz hat der junge und engagierte Regionalmanager Merih sein Hauptquartier aufgeschlagen. Die Aufgabe der Revitalisierung der alten dörflichen Struktur ist seine erste Bewährungsprobe. Und auf einer Wiese außerhalb des Ortes besucht die junge Teresa regelmäßig einen Spalt im Boden, der immer größer wird.

„Am Anfang war ein Berg“, schreibt Gamillscheg über ihren ersten Roman, den sie liebevoll „AWG“ abkürzt. Am Anfang ihres Buches steht jedoch der Tod. Martin fliegt eines Morgens aus der 25. Serpentine der den Ort mit dem Rest der Welt verbindenden Bundesstraße (die Gliederung des Romans folgt diesen Kurven), die alle eigene Namen haben: „Von Hubertus hat es ihn aus der Kurve geworfen, auf Thekla ist das Auto auf dem Dach liegen geblieben.“ Der Unfall bleibt unerklärlich - und scheint doch Teil eines großen Zusammenhangs. „Schon verrückt, sagt er, da hat man immer Angst, dass der Berg einen umbringt, und dann ist es wirklich so, nur, er schüttelt den Kopf, macht seine Brusttasche auf, macht sie wieder zu, dann doch wieder anders.“

Den großen Knall samt Katharsis gönnt uns in „Alles was glänzt“ nicht. Die Abwanderung in die Stadt geht weiter, und das Unbehagen wächst. Das ist auch der Hauptunterschied zu einem in vieler Hinsicht ähnlichen Debüt, das 2012 in aller Munde war: Vea Kaisers „Blasmusikpop“. Gamillscheg scheinen die Parallelen bewusst zu sein, und hat augenzwinkernd eine Hommage eingebaut: Für das große Abschlussfest des Regionalmanagers, das ein mittleres Desaster wird, hat Merih eine Band engagiert. „Die Band spielt Blasmusikversionen von Pop- und Schlagersongs.“

Der Bürgermeister hat sich beim Fest allerdings verspätet: „Er habe zu Hause eine Webcam installiert und die Zeit übersehen, hört Merih ihn sagen. Dafür könne er jetzt von seinem Büro aus beobachten, welche Vögel in seinen Garten kommen.“ Von diesem untergründigen Witz hätte man gerne mehr. Ehe alles zusammenbricht. Bereits Georg Büchners Woyzeck befand: „Alles hohl da unten.“ „Alles was glänzt“ beschreibt den Abglanz von einst. Und ist gleichzeitig ein vielversprechender Neubeginn, der heute beim Österreichischen Buchpreis 2018 zu Recht mit dem Debütpreis ausgezeichnet wurde.

(S E R V I C E - Marie Gamillscheg: „Alles was glänzt“, Luchterhand Verlag, 224 Seiten, 18,50 Euro)

(A V I S O - Wiederholung der am 27.3. gesendeten Buchrezension.)




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