Letztes Update am Di, 06.11.2018 01:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Afghanistan-Aktivistin: „Wir brauchen Frieden in Gerechtigkeit“



Wien (APA) - Afghanistan könne ohne Hilfe der Staatengemeinschaft seine Probleme nicht bewältigen. „Wir suchen nach Frieden auf Basis von Gerechtigkeit“, betont die Frauenaktivistin Suraya Pakzad, die schon unter den radikal-islamischen Taliban unter höchstem Risiko privaten Schulunterricht für Mädchen organisierte. Pakzad begrüßt die geplante Moskauer Afghanistan-Konferenz, bei der die Kabuler Regierung und die Taliban an einem Tisch sitzen werden.

Die afghanische Aktivistin, Gründerin und Direktorin der „Voice of Women Organization“ (VWO), die mittlerweile im ganzen Land Frauenzentren betreibt, weiß aus ihrer Tätigkeit im konfliktgeladenen Afghanistan: „Verhandlungen sind wirkungsvoller, wenn sie von den Afghanen selbst organisiert werden.“ Die internationale Gemeinschaft solle diese vermitteln und überwachen. Wie verlautet, führten die USA und die Taliban in Katar informelle Vorgespräche. Pakzad befürwortet die Teilnahme aller Konfliktparteien.

„Sehr enttäuscht“ äußert sich die Afghanin im APA-Gespräch allerdings über die Position der USA, die den UNO-Menschenrechtsrat verlassen haben. „Ich fürchte, die Vereinigten Staaten sind nicht mehr an Menschenrechten interessiert“, resümiert Pakzad. Noch erhalte ihre Nicht-Regierungsorganisation (NGO) für das Frauen-Schutzprogramm finanzielle Mittel auch aus den USA, doch hätte Washington bereits angekündigt, dass ab 2020 damit Schluss sein werde.

Von den Parlamentswahlen in Afghanistan, die im Oktober nach dreijährigem Aufschub, begleitet von Gewalt und Chaos, endlich durchgeführt wurden, erwartet die engagierte Frau wenig. Bisher sind noch keine Ergebnisse veröffentlicht worden. Sie sieht „die Gefahr, dass viele Familienmitglieder von Warlords in hohe Positionen gelangen“. Die Wahlreform sei nur Stückwerk geblieben. Pakzad verweist auf die Einflussnahme von Clan-Führern und Warlords, unter denen oft Bestechung und Korruption herrsche. Dennoch gebe es einen positiven Aspekt: Viele Frauen hätten vom Wahlrecht Gebrauch gemacht und viele junge Menschen hätten kandidiert.

Bei den Präsidentenwahlen, die für April 2019 angesetzt wurden, rechnet die engagierte NGO-Chefin mit einem Sieg des seit 2014 amtierenden Präsidenten Ashraf Ghani. Der Staatschef hat bereits seine neuerliche Kandidatur angekündigt. In seiner Präsidentschaft stiegen Gewalt, Anschläge gegen Militärs und Zivilisten, es kam zu politischen Machtkämpfen und einem Erstarken der Taliban. Ghani sei aber im Volk sehr präsent, er nehme an vielen Veranstaltungen im ganzen Lande teil - „eine Show“ - und sei bemüht, ethnischen und religiösen Gruppen in der Bevölkerung „Konzessionen zu machen“.

Die Sicherheitslage in Afghanistan sei schlecht, ungeachtet aller positiven Einstufungen durch das Ausland. Pakzad: „Ein Land im Konflikt kann nicht sicher sein.“ Die Taliban, die inzwischen wieder einen großen Teil des Landes am Hindukusch kontrollieren, seien weit besser ausgerüstet als die Streitkräfte, auch puncto Waffen. Auf Grund einer neuen Strategie richteten sich jetzt mehr Anschläge gegen zivile Ziele. Die Armee verzeichne hingegen viele Tote und habe wenig Nachwuchs.

Zuletzt sind viele afghanische Flüchtlinge heimgekehrt, aus den Nachbarstaaten und aus Europa. Pakzad kann dem wenig Positives abgewinnen. Rückkehrer - ob freiwillig oder abgeschoben - erwartet nichts Gutes: „Oft sind sie zuhause nicht willkommen.“ Verwandte, Freunde, Nachbarn reagierten oft feindselig, ihren Besitz und ihre Arbeit hätten die Heimkehrenden verloren. Psychische Probleme und Selbstmord seien oft die Folge. Doch wenn Abschiebung drohe, kehrten viele doch lieber heim, um dieser „Behandlung wie von Häftlingen“ zu entgehen.

Suraya Pakzad hat gefahrvolle Jahre hinter sich. Ihre Tätigkeit für die damals rechtlosen Frauen - Schulbesuch war verboten - begann die Mutter mehrerer Töchter 1998, also noch in der Taliban-Ära. In einer kleinen Wohnung in Kabul organisierte sie den ersten Unterricht für Mädchen hinter verschlossenen Türen. Freundinnen machten bei dem Geheimprojekt mit, ein Jahr später gab es bereits zehn „geheime Mädchenschulen“ mit 300 Schülerinnen. Die mutige Initiatorin hätte sich für ihre Initiative Hilfe der Staatengemeinschaft erwartet, doch nichts geschah.

Pakzad ließ nicht locker. Frauen brauchten Zugang zur Justiz, zu staatlicher ökonomischer Hilfe. „Drei Tage nach dem Sturz der Taliban war unsere Menschenrechtsorganisation registriert.“ Ab 2004 starteten Programme der NGO in mehreren Städten, zur Information, Aufklärung über Rechte und Bildung für Frauen. 2005 verlegte VWO ihren Sitz von Kabul nach Herat, wo schlimme Zustände herrschten. Die VWO-Chefin: „Der Gouverneur war ein War Lord. Er agierte wie zuvor die Taliban. Frauen waren nicht präsent.“ Das erste Frauenhaus wurde eröffnet.

Heute ist die VWO in 29 Provinzen Afghanistans vertreten, 200 Personen sind fix für die Organisation tätig. Frauen wird Unterkunft und Beratung geboten, sie werden bei Alphabetisierung und Berufsausbildung unterstützt. Frauenhäuser bieten von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen Zuflucht. „Mit Stolz“ denkt Pakzad an die Erfolge bei der Reintegration von Mädchen in das öffentliche Schulwesen nach der Taliban-Zeit zurück: Viele „Geheimschülerinnen“ schafften mit einem „catch-up Programme“ schnell den Wiedereinstieg.

Suraya Pakzad hält sich auf Einladung des VIDC (Vienna Institute for Internatonal Dialogue and Cooperation) in Wien auf. Montagabend nahm sie in der Diplomatischen Akademie an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Back to Afghanistan“ teil. Für ihren Kampf um die Frauenrechte wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Von Kabuler Regierungsseite erhält die VWO keine finanziellen Mittel. Zweimal wurden von der islamischen Justiz Fatwas gegen sie ausgesprochen. Doch auf offiziellen Sicherheitsschutz hat Pakzad als Leiterin einer NGO keinen Anspruch.

(Das Gespräch führte Hermine Schreiberhuber/APA)




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