Letztes Update am Di, 06.11.2018 08:11

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Finstere Abgründe: Larry Browns Buch „Joe“ endlich auf Deutsch



Wien (APA) - Am 24. November jährt sich der Todestag des sträflich unterschätzten US-Autors Larry Brown zum 14. Mal. Im Heyne-Verlag ist dieser Tage die erste deutsche Übersetzung seines besten Romans erschienen: „Joe“ erzählt mit poetischer, aber nie überladener Sprache eine beklemmende wie fesselnde Geschichte aus dem Süden Amerikas über verlorene Seelen und finstere Abgründe.

Browns Charaktere sind ehrlich gezeichnet, strahlende Helden gibt es bei ihm keine. So hat der Namensgeber des Buches vieles gutzumachen: Joe Ransoms Familienleben liegt in Trümmern, er säuft, wettet und begegnet Konflikten mit roher Gewalt. Während der Ex-Häftling versucht, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen, begegnet er Gary Jones, der sein Alter auf etwa 15 schätzt und mit seiner obdachlosen Familie durchs Land zieht.

Gary, naiv und ungebildet, leidet wie seine Geschwister unter dem Terror-Regime seines rücksichtslosen, egoistischen, versoffenen, kriminellen Vaters Wade. Während eines der Kinder, das Mädchen Fay, in der Flucht ihr Heil sucht, klammert sich ihr Bruder an Ransom, der Gary nicht nur Arbeit, sondern auch etwas Fürsorge gibt. Eines Tages - „der Morgen war erst ein paar Stunden alt, doch die Whiskeyflasche war schon halb leer“ - erfährt Joe von einer ungeheuerlichen Tat Wades und greift zu Waffe.

„Wie Brown selbst wollen sie stets das Gute, aber oft stehen sie sich selbst im Weg“, schreibt der deutsche Journalist Marcus Müntefering im Nachwort zu „Joe“ über die tragischen Helden in Browns Romanen, die „sehenden Auges in ihren eigenen Untergang gehen“. Der an einem Herzversagen mit 54 Jahren verstorbene Autor hat „exzessiv und obsessiv gelebt, getrunken, geraucht, gearbeitet“ und rückte mit viel Empathie für den „White Trash“ die Ausgestoßenen und Verlierer in den Mittelpunkt seiner Arbeit, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben.

Doch nicht nur seine faszinierenden Figuren machen Brown, dessen Bücher sich trotz aller posthumen Huldigungen (es gibt sogar ein musikalisches Tribut-Album) in seiner Heimat nur langsam verkaufen, der Entdeckung wert. Jeder Satz sitzt bei ihm, kein Wort ist zu viel oder zu wenig. Oft nüchtern und karg, dann reich an Details erzählt Brown. Zwischen Tragik und Melancholie streut er in „Joe“ Funken an Hoffnung ein. Man kann die Atmosphäre in der Ballade über Unrecht, Versagen, Mord, Vergeltung und Selbstjustiz nicht nur nachvollziehen, sondern sogar förmlich riechen.

Auf deutsche Übersetzungen von Browns Werken musste man lange warten: Erst 2017 brachte Heyne das in Amerika im Jahr 2000 erschienene Buch „Fay“ heraus, das die Geschichte von Garys Schwester weitererzählt. Der (eigentlich davor geschriebene, ursprünglich in den USA 1991 veröffentlichte) Nachfolger „Joe“ wurde von Thomas Gunkel ebenso gelungen ohne sprachliche Verluste ins Deutsche übertragen. Es gibt übrigens auch eine kommerziell wenig erfolgreiche, aber sehr gute Verfilmung mit Nicolas Cage in der Hauptrolle.

(S E R V I C E - Larry Brown: „Joe“, aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel, Heyne, 352 Seiten, 22,70 Euro)




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