Letztes Update am Di, 06.11.2018 11:12

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Neue Bücher - Drei Arten, gegen das Vergessen anzuschreiben



Wien (APA) - Rund um das Gedenken an die Novemberpogrome vor 80 Jahren wird in diesen Tagen bei vielen Veranstaltungen das Motto „Niemals vergessen“ beschworen. Drei österreichische Neuerscheinungen zeigen, wie unterschiedlich historische Aufarbeitung in Buchform geleistet werden kann - und wie häufig man hierzulande eher von einer Vergessenskultur als von einer Erinnerungskultur sprechen muss.

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„Der Wein des Vergessens“: Da draußen in der Wachau...

Der in Krems geborene Historiker Robert Streibel hat 2015 in seinem dokumentarischen Roman „April in Stein“ an das Massaker an entlassenen Häftlingen wenige Tage vor Kriegsende 1945 erinnert. In „Der Wein des Vergessens“ beschreibt er nun eine besonders perfide Arisierung, die eines der bekanntesten Weingüter der Wachau betrifft: die Kremser Sandgrube 13, Sitz der bekannten „Winzergenossenschaft Krems“. Auf die Angelegenheit war sein Mitautor, der Historiker und Germanist Bernhard Herrman bei der Bearbeitung der Verlassenschaft seiner Cousine gestoßen. Aus einer Familienangelegenheit wurde bei der Recherche rasch ein exemplarischer Fall, wie skrupellos nach dem „Anschluss“ versucht wurde, wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.

Streibel und Herrman beziehen sich auf umfangreiches Aktenmaterial, Briefe und Tagebücher, haben aber als Darstellungsweise die Romanform gewählt. Tatsächlich liest sich die detail- und facettenreich erzählte Geschichte wie ein dick aufgetragener Schicksalsroman mit allen nötigen Ingredienzien: eine Weingroßhandlung, zu der einige der prominentesten Wachauer Rieden gehören, im Besitz des jüdischen Händlers Paul Josef Robitschek; ihm beruflich wie privat verbunden ein obskurer „Baron“ August Rieger, der zwar mehr Lebe- als Geschäftsmann, jedoch Arier ist. Der Charmeur und Pleitier wird daher gemeinsam mit dem Verwalter zur Schlüsselfigur beim vergeblichen Versuch, die Arisierungsbestrebungen der Kremser Weinbauern abzuwehren, die in Gestapo-Denunziationen gipfeln.

Bei aller Dramatik der Geschehnisse, schlägt dennoch das in der Einleitung zitierte schlichte Protokoll eines Anrufes aus dem Vorjahr dem Fass den Boden aus: In ihm lehnt Winzer Krems-Geschäftsführer Franz Ehrenleitner endgültig und abschließend alle Versuche der Autoren, ihn zu einem Treffen zu bewegen, ab: „Lassen Sie uns in Frieden. Wen interessiert das heute?“

(Bernhard Herrman / Robert Streibel: „Der Wein des Vergessens“, Residenz Verlag, 256 Seiten mit 24 Seiten Bildteil, 24 Euro, ISBN: 978-3-7017-1696-8; Lesung am 13.11. in der Buchhandlung Löwenherz, Wien 9, Berggasse 8)

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„Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl“: Das Unvorstellbare erleben

Eine andere Form der Aufbereitung historischer Ereignisse hat der Literaturwissenschafter und Historiker Gerhard Zeillinger gewählt: In „Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl“ lässt er den 94-jährigen Holocaust-Überlebenden Walter Fantl-Brumlik ausführlich selbst zu Wort kommen, verzichtet aber darauf, das Erzählte auszuschmücken und mit erfundenen Details anzureichern. Stattdessen konzentriert er sich - gestützt auf viele Gespräche und zahlreiche Originaldokumente - darauf, gesichertes Wissen über jene Orte und Umstände weiterzugeben, die die Jugendjahre des in Niederösterreich geborenen Schlossers zu einem Martyrium machten.

Walter Fantl ist 14 Jahre alt, als Hitler in Österreich einmarschiert, und muss alle Eskalationsstufen der Repression gegenüber jüdischen Bürgern erleben. Aus Wien wird er mit 18 nach Theresienstadt deportiert und wird Zeuge jenes grotesken und zynischen Täuschungsmanövers, bei dem internationalen Beobachtern heiles Dorfleben in neuen „jüdischen Siedlungsgebieten“ vorgespielt wird. Mit 20 wird er nach Auschwitz deportiert und an der Rampe von seinem Vater getrennt. Er erlebt alle Arten von industrieller Vernichtung und individuellem Sadismus. „Im Nachhinein erschien uns Theresienstadt fast als Paradies. Trotzdem hatten wir die Hoffnung, zu überleben. Vielleicht geht es sich aus, so hatten wir gedacht.“ Für Walter Fantl ist es sich ausgegangen. Als er im Juli 1945 nach Wien zurückkommt, erinnert ihn nur noch ein breiter Ledergürtel an sein Leben vor jener Hölle, die Menschen einander zu bereiten vermögen.

(Gerhard Zeilinger: „Überleben. Der Gürtel des Walter Fantl“, Kremayr & Scheriau, 240 Seiten , 22 Euro, ISBN: 978-3-218-01129-7; Buchpräsentation: 8.11., 19.30 Uhr, Adalbert Stifter Haus, Linz, 14.11., 17.30 Uhr, NÖ Landesbibliothek, St. Pölten, 21.11., 19 Uhr, Buchhandlung Frick, Wien)

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„Der Fall Karl Horvath“: Einmal verfolgt, immer verfolgt

Ganz auf die Faktenlage konzentriert sich der „Die Presse“-Journalist und Buchautor Wolfgang Freitag bei der Rekonstruktion eines Schicksals, das nicht nur von NS-Verfolgung, sondern von Diskriminierung und auch in der Nachkriegszeit fortgesetztem Unrecht erzählt. Der aus dem burgenländischen Loipersdorf stammende Rom Karl Horvath wurde 1939 als „Asozialer“ nach Dachau deportiert und überlebte die Torturen im Konzentrationslager Gusen bei Mauthausen. Nach seiner Befreiung wurde er jedoch in Linz von anderen ehemaligen KZ-Häftlingen auf offener Straße „erkannt“ und schwerer Straftaten beschuldigt - eine offenkundige Verwechslung mit einem ihm ähnlich sehenden besonders brutalen Kapo. Dennoch wurde er 1948 vom Linzer Volksgericht als Kriegsverbrecher verurteilt und erst 1952 in einer von ihm erreichten Wiederaufnahme des Verfahrens freigesprochen. Der Kampf gegen zweifaches Unrecht setzte sich auch danach fort - im weitgehend vergeblichen Ringen um Rehabilitierung und Entschädigung.

Wolfgang Freitag hütet sich, irgendetwas rund um den „Fall Karl Horvath“ zu erfinden. Stattdessen schiebt er ausführliche und faktenreiche Exkurse zu jenen Themen ein, die diesen „Fall“ zu einem exemplarischen machen: Er beschreibt die Kontinuität der Verfolgung und Kriminalisierung von Volksgruppen wie der Roma und Sinti, die Nachhaltigkeit, mit der in einstigen Romasiedlungen, aber auch am Ort des Konzentrationslagers Gusen buchstäblich Gras über Sachen wächst, an die zu erinnern schmerzhafte Fragen aufwerfen würde, und er schildert Flüchtlingssituation und Justizwesen der unmittelbaren Nachkriegsjahre in Österreich.

Aber er vergisst auch nicht darauf, nach bestem Wissen und Gewissen an den Menschen Karl Horvath zu erinnern, der am 4. Jänner 1971 gestorben ist. Denn: „Was kündet sonst noch von diesem mehr als fünf Jahrzehnte währenden Leben? Nur zwei dicke Aktenkonvolute im Oberösterreichischen Landesarchiv. Horvaths Grab am Stadtfriedhof St. Martin (...) ist längst neu belegt.“

(Wolfgang Freitag: „Der Fall Karl Horvath. Ein Loipersdorfer ‚Zigeuner‘ vor dem Linzer Volksgericht“, Mandelbaum Verlag, 128 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-85476-575-2 Präsentation: 29.11., 18.30 Uhr, in der ÖGB-Buchhandlung, Wien 1, Rathausstraße 21 / Universitätsstraße)




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