Letztes Update am Di, 06.11.2018 11:39

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Türkei setzt auf Integration syrischer Flüchtlinge



Brüssel (APA) - Über 3,7 Millionen syrische Flüchtlinge gibt es in der Türkei. Davon seien aber nur mehr 150.000 in Flüchtlingscamps untergebracht, berichtet Sema Genel von der türkischen NGO Support to Life (STL) bei einer von der deutschen NGO Diakonie Katastrophenhilfe am Dienstag veranstalteten Diskussion in Brüssel. Die Türkei setze darauf, die Syrer in die staatlichen Mechanismen zu integrieren, so Genel.

Flüchtlinge gebe es in allen 81 Provinzen der Türkei, betont sie. Ein halbe Million davon lebe etwa an der Grenze zu Syrien und in Istanbul gebe es allein 600.000 syrische Flüchtlinge. Etwa 70.000 Syrer hätten bereits die türkische Staatsbürgerschaft erhalten, so Genel. „Auf lange Sicht wird Präsident Recep Tayyip Erdogan von der Vergabe von Staatsbürgerschaften politisch profitieren.“

Ihre NGO sei zwar „glücklich darüber, dass die türkische Regierung die Flüchtlinge mehr integrieren will“, doch sei dies auch eine zunehmende Herausforderung für die Infrastruktur. Bei allein 1,5 Millionen schulpflichtigen Flüchtlingskindern, von denen allerdings nur ein Drittel eingeschult sei, bräuchte es über 1.000 neue Schulgebäude für syrische Flüchtlinge, so Genel.

Die große Frage sei, wie sich die türkische Wirtschaft entwickle, sagte Jean-Louis De Brouwer von der Generaldirektion der EU-Kommission für Humanitäre Hilfe (ECHO). Eine offizielle Arbeitserlaubnis gebe es nur für etwa 21.000 Syrer, so De Brouwe. Über eine Million sei illegal beschäftigt, darunter viele Kinder, da die Einkommen der Eltern nicht reichen würden, ergänzt Genel. Bei einer Wirtschaftskrise wären diese Personen freilich als erstes betroffen.

Er glaube, dass die Türkei die Zahl der Flüchtlingscamps auf zwei reduzieren wolle, diese aber für den Notfall, etwa bei einer starken Flüchtlingsbewegung aus Idlib, offen lassen werde, sagt De Brouwe. „Eine Rückkehr nach Syrien wäre unter bestimmten Parametern möglich, doch diese sind noch nicht gegeben“, betont er. Die Botschaft der Türkei sei jedenfalls, solange es Flüchtlinge gibt, brauchen wir Hilfe.

Ruud van Enk von der Europäischen Kommission verwies darauf, dass die EU zwei Tranchen zu je drei Milliarden Euro für die Flüchtlinge in der Türkei bereitstelle. Damit werde etwa die Ausbildung der Kinder finanziert oder auch Schulen gebaut. Klar sei aber, „wir können nicht alles machen“, so Van Enk. Mittlerweile sei die Kooperation mit der Türkei sehr gut und die türkischen Partner akzeptierten, dass die EU die Kontrolle über die Projekte behalten möchte. Am Anfang hätte die Türkei, „eine sehr stolze Nation“, aber am Liebsten einen Blankoscheck gehabt, erzählt Van Enk.

Der SPÖ-Europaabgeordnete Josef Weidenholzer betonte, wie wichtig die Arbeit der NGO‘s sei. Man brauche „mehr Pragmatismus und weniger Symbolismus“, so Weidenholzer. Auch sei es „sehr wichtig an multilateralen Vereinbarungen festzuhalten“, so der Sozialdemokrat mit einem Seitenhieb auf die ÖVP-FPÖ-Regierung, angesichts des angekündigten Ausstieg Österreichs aus dem UNO-Migrationspakt.




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