Letztes Update am Di, 06.11.2018 12:56

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jahres-Panorama im Plauderton - 1913 fasziniert Illies immer noch



Berlin (APA/dpa) - Florian Illies ist aufrichtig begeistert von der enormen Ereignisfülle kurz vor dem Katastrophenjahr 1914 - in einer Hochphase gesellschaftlicher Umbrüche und düsterer Kriegsgedanken, aber auch kultureller und kreativer Blüte. Deshalb lässt er dem Bestseller „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“ (2012) nun eine Fortsetzung folgen, die manche Geschichten fortschreibt und neue hinzufügt.

Mit „1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ könne der Leser „einfach weitermachen in demselben Gefühl, mit derselben Tonlage - und einfach nochmal ganz andere Personen, die man für große Helden hielt, ein wenig auch als Menschen kennenlernen“, sagte Illies (47), der künftige verlegerische Geschäftsführer des traditionsreichen Hamburger Rowohlt Verlags, im Deutschlandfunk.

Man erfährt also mehr über den Exilanten Maxim Gorki auf Capri und den ewig kränkelnden Rainer Maria Rilke in Paris, über Rosa Luxemburgs Begeisterung für Pflanzen und den Frauenverschleiß von Pablo Picasso. Oder man lernt „die geheimnisumwitterte Fürstin Eugénie Schakowsky“ kennen - eine Geliebte des russischen Wanderpredigers und Sex-Gurus Rasputin, deren dramatisches Schicksal offensichtlich zu Illies‘ neuen Lieblingsepisoden gehört.

Als Sequel, das voll und ganz aus zusätzlichen Recherchen entstanden sei, bezeichnet der 47-jährige Illies sein Buch. Eine „Resterampe“ sei der „1913“-Nachfolgeband also keineswegs. „Denn alles, was ich vor sechs Jahren hatte, ist im ersten Buch gewesen. Und es ist einfach unglaublich viel neu erschienen - neue Briefwechsel, neue Biografien, im Internet sind eine Unmenge an neuen Daten verfügbar über dieses Jahr.“

Wie schon der erste, gut 400 Seiten umfassende Teil ist auch die etwas kürzere Fortsetzung eine beeindruckende Fleißarbeit. All seine Skizzen, Anekdoten, Schnurren, kleineren und größeren Geschichten hat Illies aus Hunderten Quellen für eine federleichte, mühelos lesbare Jahrescollage zusammengetragen. Auswahlbibliografie, Personen- und Ortsregister nehmen insgesamt 30 Seiten ein.

Da steckt viel Stoff drin, aber man soll es nicht merken. „Meine Aufgabe als Autor besteht in der Verdichtung, der Leser soll nur das Vergnügen haben“, sagte Illies dem Bayerischen Rundfunk. Das Studium dicker Wälzer gehöre für ihn natürlich dazu. „Am Ende sind es im Buch aber nur 20 Zeilen, die ich dazu schreibe, weil ich das Gefühl habe: So lässt sich verdichten, was da geschehen ist.“

Viele große Namen aus Politik und Gesellschaft, Wissenschaft, Literatur, Bildender Kunst und Musik tauchen auch diesmal wieder in oft ungewohnten Bildausschnitten als Zeitgenossen von 1913 auf: Adolf Hitler und Josef Stalin gemeinsam im Park des Wiener Schlosses Schönbrunn (eine hübsche, kurze Reminiszenz zum ersten Band), die Schriftsteller Gerhart Hauptmann, Marcel Proust, Thomas Mann und Franz Kafka, die Maler Ernst Ludwig Kirchner, Wassily Kandinsky und Pablo Picasso, die Komponisten Igor Strawinsky und Arnold Schönberg - um nur einige wenige zu nennen.

Aber Illies erzählt auch scheinbar Nebensächliches, etwa dass damals der Reißverschluss erfunden wurde - für den Autor eine ganz logische Sache: „Denn das Jahr 1913 ist das Jahr, das die Vergangenheit mit unserer Gegenwart wie ein Reißverschluss unauflöslich miteinander verbindet.“ Die Gleichzeitigkeit dessen, was „in London, in Sankt Petersburg, in Moskau, in New York, in Wien, Paris, Berlin, München“ stattfand, erweckt Illies beim Flanieren durch die vier Jahreszeiten im charmanten Plauderton zum Leben.

„Meine Güte, es gibt so viel mehr noch aus diesem Jahr zu erzählen!“, so umschreibt der Journalist und Kunsthistoriker die Motivation für das Projekt, nachdem er sich über seine neuen Quellen gebeugt hatte. Illies erzählt also erneut mit viel Liebe zum Detail und augenzwinkerndem Humor. Da verzeiht man dem Autor auch kleine Eitelkeiten, wenn er sich selbst gelegentlich etwas zu wichtig nimmt („Ja, wirklich, Sie können es mir glauben“) oder überflüssigerweise floskelt („Aber das gehört nicht hier hin“). Den Lesespaß am „1913“-Sequel schmälert das nicht.




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