Letztes Update am Di, 06.11.2018 13:30

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Aber wir blieben, was wir waren“: Theresienstadt im Volkskundemuseum



Wien (APA) - „Die Nazis wollten uns zu Untermenschen machen. Aber wir blieben, was wir waren.“ Das sagte Holocaust-Überlebender Frederick Terna im vergangenen Sommer in einem Interview. Er spricht über Theresienstadt, jenes KZ, in dem die Nazis zu Propagandazwecken gewisse kulturelle Tätigkeiten zuließen, wo Musik und Theater, auch Zeichnung existierten, in offiziellen Werkstätten - und im Geheimen.

Eine Ausstellung im Wiener Volkskundemuseum versammelt ab morgen, Mittwoch, rund 40 Leihgaben aus der Gedenkstätte Theresienstadt, die vielfach zum ersten Mal deren Museum verlassen, und erzählt damit von 27 Künstlerschicksalen. „Ausgangspunkt waren Menschen, die aus Wien und Österreich nach Theresienstadt deportiert wurden, sie wurden dann um weitere Künstler aus der Tschechoslowakei ergänzt“, so Kuratorin Rosemarie Burgstaller bei der Pressekonferenz am Dienstag. Die Ausstellungsarchitektur ist schlicht und wird geprägt von viel Text - der Lücken füllt. „Natürlich ist alles sehr fragmentarisch“, so Burgstaller. Abschnitte der Schau erzählen von den Propaganda-Erzeugnissen, die künstlerisch tätige Insassen in den offiziellen Werkstätten anzufertigen hatten und stellen sie den wahren, den düsteren Darstellungen und Verarbeitungen gegenüber, die auf Dachböden, bei konspirativen Treffen und im persönlichen Rückzug entstanden.

Sie erzählen von den tausenden Kindern, von denen manche bei der Bauhaus-Schülerin und Pädagogin Friedl Dicker-Brandeis Zeichenstunden nahmen und dort ihre schweren Traumatisierungen verarbeiteten, von den Deportationszügen in die Vernichtungslager im Osten, denen sich zu nähern streng verboten war und deren Horror und fast greifbare Panik einige der Künstler dennoch in beklemmenden Darstellungen eingefangen haben. Sie erzählen von katastrophalen Zuständen, von Hunger und Enge, mangelnder Hygiene und einer Anfälligkeit für Krankheiten, die tausende vor allem der älteren Insassen hinwegrafften.

„Die Bilder, die wir von Theresienstadt haben, sind stark von Propaganda geprägt - oder von den Fotos der Befreier“, so Burgstaller. „Es gibt wenige Bilder, die eine Sicht der Betroffenen wiedergeben.“ Als Übergangslager, von dem der größte Teil der Bewohner - 87.000 von 140.000 - in die Vernichtungslager Maly Trostinec, Treblinka und schließlich vor allem Auschwitz weiterdeportiert wurden, spielte Theresienstadt keine unwesentliche Rolle in der Vertuschung des Massenmordes. Nach außen wurde das Bild eines Vorzeige-Ghettos transportiert, einer lebenswerten Judenstadt, in der ältere, verdiente Veteranen, bekanntere Künstler und Wissenschafter untergebracht waren - und die Insassen selbst wurden gezwungen, dieses Bild zu produzieren. Die Hoffnungen, damit der Ermordung zu entgehen, erwies sich meist aber als unbegründet. Nahezu alle Mitwirkenden eines Propagandafilms über Theresienstadt, der in Auszügen auch gezeigt wird, starben kurz darauf in Auschwitz.

Die mit Propagandazwecken erklärbare Duldung von künstlerischen Aktivitäten, die Theresienstadt mit seinen zahlreichen Künstlern und Komponisten, mit seinen Theateraufführungen, Kabarettabenden und wissenschaftlichen Vortragsprogrammen den Ruf des „Künstler-KZ“ eingebracht hat, ist vor dem Hintergrund der wahren Zustände zwar mit großer Ambivalenz behaftet - für die Betroffenen bedeutete sie dennoch ein Überlebenselixier. „Wir blieben eine Gruppe mit einem gewissen Lebensstil“, wird Frederick Terna zitiert. „Ich glaube, dass das sowohl in Theresienstadt als auch später lebenserhaltend war.“

Heutige Zeitzeugenberichte via Kopfhörer, in einer zeitgenössischen Dokumentarfilmarbeit sowie im Rahmenprogramm der Ausstellung sind eine ebenso zentrale Säule des Ausstellungsnarrativs, wie Zeugnisse der Toten. Der Titel der Schau, „Das Herz so schwer wie Blei“, ist ein Zitat der Schriftstellerin Ilse Weber. Es stammt aus einem Gedicht, dass im KZ entstand - ebenso wie eine Reihe von Kinder- und Schlafliedern, die sie dort für die Kinder komponiert haben soll. Eines davon, heißt es, habe sie mit den Kindern beim Gang in die Gaskammer von Auschwitz gesungen, um durch die verstärkte Atmung beim Singen das Sterben zu beschleunigen.

(S E R V I C E - „Das Herz so schwer wie Blei. Kunst und Widerstand im Ghetto Theresienstadt. Von 7. November bis 16. Dezember, Volkskundemuseum. www.volkskundemuseum.at)




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