Letztes Update am Mi, 07.11.2018 08:26

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Beeindruckend: „Gelebt, erlebt, überlebt“ als szenische Lesung



Wien (APA) - Wie bringt man die Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden auf die Bühne? Das Wiener Volkstheater hat diese nicht unheikle Frage bei der gestrigen Veranstaltung zum Gedenken an die Novemberpogrome 1938 souverän gelöst. Die von Jonas Schneider eingerichtete szenische Lesung des Buches „Gelebt, erlebt, überlebt“ von Gertrude Pressburger gab dem Erzählten viel Freiraum zum Wirken und Nachhallen.

Die junge Journalistin Marlene Groihofer, die die heute 91-jährige Wienerin für eine Radiosendung dazu gebracht hatte, zum ersten Mal von der Vernichtung ihrer ganzen Familie und vom eigenen Überleben zu erzählen, berichtete eingangs von der Entstehung des von ihr verfassten Buches und bat das zahlreich erschienene Publikum um einen Sonderapplaus für den „Hauptgast“ des Abends. Auch am Ende gab es lange Standing Ovations in Richtung jener Loge, in der Gertrude Pressburger Platz genommen hatte und aus der schließlich ein gerührtes, aber kräftiges „Dankeschön!“ zu vernehmen war.

Dazwischen lagen 80 Minuten, die es in sich hatten. Ein Tisch, fünf Sessel und ein paar wenige Requisiten reichten dem fünfköpfigen Ensemble aus, um zunächst jenes Familienglück im Wien der 1930er-Jahre zu etablieren, dessen Zerschlagung später umso grausamer mitzuerleben war. Ohne klare Rollenverteilung kristallisierte sich dennoch bald eine klassische Familiensituation heraus: Gabor Biedermann als einfacher Tischler und von den Kindern verehrter Vater, Birgit Stöger als fürsorgliche Mutter, Peter Fasching und Nils Hohenhövel als innig geliebte Brüder „Lumpi“ und Heinzi, und Katharina Klar als Gerti.

Langsam und etappenweise zog sich die Schlinge zu: erste Drangsalierungen, Verhaftungen, Schikanen unmittelbar nach dem „Anschluss“, Flucht nach Jugoslawien und Italien, dort längere Duldung und scheinbare Normalität unter schwierigsten Umständen. Im Frühjahr 1944 fiel die ganze Familie schließlich doch den Deutschen in die Hände, landete auf einem Transport nach Auschwitz-Birkenau und wurde bei der Selektion an der berüchtigten Rampe sofort getrennt. Es war das letzte Mal, dass die 16-Jährige ihre Eltern und ihre Geschwister sah.

Von diesem Moment bis zu dem Augenblick, als sich die Türen eines Transportes, zu dem sich das Mädchen in letzter Verzweiflung gemeldet hatte, im sicheren Dänemark öffneten, war Klar als Erzählerin alleine auf die Bühne. Auch die Gruppe Mischwerk, die dem Abend dezent Musikalisches beimischte, hatte sich da hinter die Kulissen verzogen. Sie habe schon Angst gehabt vor dem, was kommen werde, heißt es einmal in Pressburgers Erinnerungen. Doch vor dem, was sie tatsächlich erleben musste, habe sie sich nicht fürchten können - es überstieg jegliche Vorstellungskraft.

Über bitteren Erfahrungen im Nachkriegs-Wien und Dankbarkeit für das spätere Glück, das sie mit ihrer eigenen Familie erfahren durfte, landete man in der Gegenwart. „Ich habe den Glauben an das Gute im Menschen nicht verloren. Aber ich bin wachsam“, hieß es.

Mit einer millionenfach angeklickten Videobotschaft als „Frau Gertrude“ hat Frau Pressburger im Präsidentschaftswahlkampf bewiesen, dass sie keine Scheu hat, heutige Gefahren beim Namen zu nennen. Nach der gemeinsam mit dem österreichischen Parlament ausgerichteten Veranstaltung war Pressburger gestern noch lange im intensiven Gespräch mit Wolfgang Sobotka zu sehen, der als Nationalratspräsident den Ehrenschutz des Abends übernommen hatte. Denn „Niemals wieder!“ ist einfach gesagt. Aber erfordert auch die Bereitschaft, dafür zu arbeiten.

(S E R V I C E - Gertrude Pressburger: „Gelebt, erlebt, überlebt“. Aufgezeichnet von Marlene Groihofer, mit einem Nachwort von Oliver Rathkolb, Zsolnay, 208 Seiten)




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