Letztes Update am Mi, 07.11.2018 08:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


56. Viennale - „Noch ‚ne Menge altes Zeug“: Der Filmvorführer



Wien (APA) - Keine kiloschweren Filmrollen, kein mühsames Auf- und Abwickeln, kein kleinteiliges Zusammenstückeln: Heißt es heute in einem Kinosaal „Film ab“, dann präsentieren sich die Geschehnisse im Vorführraum deutlich aufgeräumter als noch vor einigen Jahren. „Das ist der Lauf der Zeit“, meint dementsprechend Filmvorführer Christian Schön, der für die Viennale im Stadtkino im Künstlerhaus tätig ist.

Der aus dem deutschen Ruhrgebiet stammende Schön begann während des Studiums für die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen zu arbeiten. „Das ist schon ein bisschen länger her“, lacht er im APA-Interview, „über 30 Jahre. Da hatten wir bei der ersten Sichtung, bei der ich mitgemacht habe, 560 analoge Filme. Bis heute hat sich das auf rund 7.000 Einreichungen gesteigert. Mittlerweile wird das alles aber nur noch gestreamt.“ In der Zeit dazwischen hat Schön quasi jedes gängige Format schon mal in Händen gehabt - von VHS-Kassetten über DVDs bis zu den heute gängigen Links.

„Vom Filmmaterial her habe ich eigentlich alles mitbekommen, bis heute zu den DCPs (Digital Cinema Package, Anm.). Eigentlich war ich auch nie ein Vorführer wie viele andere Leute. Ich habe immer für Festivals gearbeitet, bin aber jemand, der auch grundsätzlich mit Bildern arbeitet“, betont der studierte Fotograf, der auch „eigenes Videozeug“ macht. „In Oberhausen bin ich verantwortlich für den Umgang mit allem möglichen Filmmaterial, sowohl analog wie digital. Für das Festival dort mache ich eigentlich keine Projektionen mehr, sondern bin der Logistiker, der die Filme aufbereitet oder testet.“

Eine Aufgabe, die auch in Wien zu seinen Tätigkeiten gehört. Meist reist Schön einige Tage vor Festivalbeginn an, dann gibt es noch Besprechungen und schlussendlich die Vorbereitung im Kino vor Ort. Kopien werden von den Verleihern auf Festplatten zur Verfügung gestellt, von der Kopienkontrolle vorbereitet und dann getestet sowie eingeladen. Eine zeitraubende Angelegenheit. Danach wird im ziemlich warmen Vorführraum - immerhin strahlen Server und Projektor einiges an Hitze ab - an Playlisten gearbeitet, der Abspielplan erstellt, heißt es den Überblick bewahren.

Mit DCPs arbeitet Schön bei der Viennale seit einigen Jahren. „Der Vorteil hier im Künstlerhaus ist ja, dass die Kabine relativ groß ist - gerade jetzt, da wir die Teller für die Filmrollen abgebaut haben.“ Erstmals nach Wien kam er vor 13 Jahren - „über die Familie“, wie er die eingeschworene Gruppe der Filmvorführer nennt. „Wir kennen uns größtenteils schon seit 20 Jahren, jeder hat woanders gearbeitet, jeder hat einen anderen Hintergrund. Es ist aber wichtig, gerade wenn man so lange zusammenarbeitet, dass man sich gut versteht. Man hängt schon eine ganze Zeit aufeinander.“

Im Unterschied zu früheren Jahren sei aber sein Job im Stadtkino im Künstlerhaus heuer gewissermaßen „gesplittet“. Statt zu zweit vor Ort zu sein, teilt sich Schön die tägliche Schicht mit einem Kollegen. „Wir schauen aber, dass wir uns etwa zwei Stunden am Tag sehen, damit man noch mal sprechen kann, ob etwas Besonderes war.“ Ansonsten ist das Surren der Lüftung von Projektor und Server der ständige Begleiter. „Der geilste Moment ist am Abend, wenn die Lampe runtergekühlt ist und du den letzten Stromschalter ausmachst. Dann ist Ruhe“, schmunzelt Schön.

Damit möchte er aber nicht sagen, dass es früher mit den Filmrollen angenehmer war. „Da hattest du die Maschinen, die ständig gerattert haben. Beides ist auf Dauer nervig. Aber irgendwann hörst du das auch nicht mehr.“ Ein weiterer Luxus im Stadtkino: „Wir haben ein Klo. Und es ist wirklich selten, dass du eines direkt neben dem Vorführraum hast“, lacht Schön. Ansonsten habe sich die Technik im Haus in den 13 Jahren zwar ein bisschen verbessert. „Aber im Endeffekt ist hier noch ‚ne Menge altes Zeug. Aber das Wichtigste: Es funktioniert!“

Angenehm altmodisch wirken die Kommunikationsabläufe vor Ort, immerhin verlässt man sich auf das gute, alte Walkie-Talkie. Saalregie, Kassa, Einlass - alle sind darüber verbunden. Und was sich ebenfalls nicht verändert hat: der Worst Case, der für einen Filmvorführer eintreten kann. „Und zwar, dass der Film einfach stehen bleibt. Wir kennen mittlerweile alle Computer, die sind dumm - 1 und 0“, meint Schön süffisant. „Wenn ein Frame nicht in Ordnung ist... Du testest immer mit einem bestimmten Programm, aber die Wahrheit liegt da“, zeigt er auf den Projektor, der auf die Kinoleinwand gerichtet ist. „Hier ist es uns das zum Glück aber noch nie passiert.“

Trotzdem blickt Schön keineswegs mit Wehmut in die Zukunft - oder gar mit Nostalgiegefühlen zurück. „Bei Festivals gibt es ja noch analoge Dinge. 16mm hat sich etwa in der Kunstszene durchaus gut gehalten. Und am Anfang waren die digitalen Bilder natürlich gewöhnungsbedürftig, weil sie so clean sind. Jede Maschine hat ein ganz leichtes Zittern bei der Projektion - das fällt jetzt weg. Aber es gibt durchaus Filme, die so gemacht worden sind, dass es noch ordentlich dreckig aussieht. Ich habe da keinen bevorzugten Geschmack. Für mich war immer wichtig, dass das Bild, das jemand gemacht hat, da vorne so geil wie möglich aussieht.“

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.viennale.at)




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