Letztes Update am Mi, 07.11.2018 09:49

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Der europäische Traum lebt: Andrej Kurkows „Kartografie der Freiheit“



Wien (APA) - Es ist Ende 2007. Ein Mann mit Holzbein nähert sich einem litauischen Grenzposten Richtung Polen. „Wir machen dicht“, erklärt ein Offizier dem verblüfften Alten. „Sie machen die Grenze dicht?“ - „Nein, umgekehrt. Die Grenze wird geöffnet. Und der Kontrollpunkt wird geschlossen.“ Mit dieser Szene beginnt Andrej Kurkows „Kartografie der Freiheit“, ein Roman, der vom Aufbruch nach Europa erzählt.

Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren und lebt heute in Kiew. In seinem „Ukrainischen Tagebuch“ lieferte er 2014 dramatische „Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests“. Er habe „Kartografie der Freiheit“ bereits 2012 zu schreiben begonnen, doch die Arbeit daran unterbrechen müssen, als 2013 „eine ukrainische Regierung den europäischen Weg nicht fortsetzen und dem Volk den europäischen Traum nehmen“ wollte, schreibt Kurkow. Morgen und am Samstag wird er sein Buch im Rahmen der Buch Wien persönlich vorstellen.

Der alte Kukutis, der auf einem echten und einem künstlichen Fuß Richtung Westen unterwegs ist, ist die mystische Zentralfigur des über 600-seitigen Buches. Er verbindet Geschichte und Gegenwart ebenso wie die Himmelsrichtungen. Er wurde im Ersten Weltkrieg verwundet, hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Er hat viel gesehen, und es geht ihm buchstäblich zu Herzen, wenn irgendwo in Europa Litauern etwas widerfährt. Doch infolge seiner Gehbehinderung kommt er immer zu spät. In seinem Holzbein allerdings, einer Spezialanfertigung eines befreundeten Tischlers, gibt es manches Geheimfach, das ihm das Leben erleichtert.

Kukutis ist die schillerndste, märchenhafteste Figur in diesem ansonsten sich meist realistisch an den Gegebenheiten im heutigen Europa orientierenden Roman, dessen Handlung sich über zehn Jahre erstreckt, und der in 116 kurzen Kapiteln und einem Epilog in ständigen Schauplatzwechseln eine Atemlosigkeit erzeugt, die das Geschehen eigentlich nicht verlangt. Denn die drei jungen Paare, die gleich nach dem Fallen der Grenzbalken von der neuen europäischen Freiheit Gebrauch machen und ihr Glück in der Fremde suchen wollen, stecken rasch fest.

Der europäische Traum ist in „Kartografie der Freiheit“ mehr Möglichkeit als Wirklichkeit. Im Alltag geht es weniger ums Träumen denn ums Überleben. Die einen schlagen sich mit Gelegenheitsjobs in London durch, ehe sie von einer völlig überteuerten Migrantenwohnung als Hausmeister und Gärtner in die Villa eines obskuren Oligarchen wechseln. Die anderen versuchen sich in Paris mit Clownauftritten für kranke Kinder, mit Baby- und Hundesitting über Wasser zu halten. Und wieder andere schaffen es erst gar nicht aus Litauen hinaus, sondern landen in einem abgeschiedenen Provinznest. Auch die Freiheit hat ihre Grenzen, und die sind meist wirtschaftlicher Natur.

„In meinem Roman gibt es sozusagen zwei Europa: das alte und das neue und damit natürlich auch zwei Gruppen von Europäern. Die einen glauben an Europa und knüpfen all ihre Hoffnungen daran, die anderen leben einfach in Europa, ohne es bewusst wahrzunehmen“, schreibt Kurkow. „Die Bewohner des alten Europas haben - so mein Eindruck - das Träumen schon lange verlernt. Das Vereinigte Europa ist für sie etwas Banales, Altmodisches und Lästiges, das ihren Erwartungen und Hoffnungen nicht gerecht geworden ist.“

Bleibt noch die Frage, warum sich der ukrainische Autor ausgerechnet Litauen als Ausgangs- und Angelpunkt seins Romans ausgesucht hat. „Weil der einstmals größte Staat Europas - das Großfürstentum Litauen - heute ein kleines Land am Rand der Europäischen Union ist, das die anderen Europäer aus Mangel an Zeit übersehen.“ Dabei leide Litauen mehr als andere Länder unter dem europäischen Traum: „Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung sind auf der Suche nach dem europäischen Glück ins alte Europa ausgewandert, haben ihre Heimat verlassen aber nicht vergessen. Die Osteuropäer träumen noch von einem Europa, in dem sie satt und glücklich sind und von Unheil verschont bleiben.“

(S E R V I C E - Andrej Kurkow: „Kartografie der Freiheit“, aus dem Russischen von Claudia Dathe, Haymon, 624 Seiten, 29,90 Euro; Buchpräsentation am Donnerstag, 8.11., 19 Uhr, in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Wien 1, Herrengasse 5; Lesung am Samstag, 10.11., 11.30 Uhr, auf der Buch Wien, ORF-Bühne)




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