Letztes Update am Mi, 07.11.2018 13:40

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„The Drake Equation“: Fotografien aus einer anderen Welt in Linz



Linz (APA) - Eine Landschaft im Nirgendwo Amerikas, ohne Strahlung, ohne Handys, ohne Mikrowelle, dafür mit riesigen Radioteleskopen und Einheimischen, die sich ein anderes Leben nicht vorstellen können, sowie Wi-Fi-Flüchtlingen - die Stimmung dort haben Paul Kranzler und Andrew Phelps in Fotografien eingefangen. „The Drake Equation“ führt in der Landesgalerie Linz ab Mittwochabend in eine andere Welt.

Treffen sich ein Bärenjäger, ein Astrophysiker und ein Wi-Fi-Hypersensitiver in der Bar - was klingt wie der Anfang eines schlechten Witzes, ist in Green Bank Realität. Die amerikanische Regierung hat im Bundesstaat West Virginia Ende der 1950er-Jahre die 30.000 Quadratkilometer große „National Radio Quiet Zone“ eingerichtet. Seither leben dort Astrophysiker, „die vielleicht mit fünf Leuten auf der Welt über ihre Arbeit reden können“, so Phelps, neben Einheimischen, die seit Generation dort Land besitzen. Die Wi-Fi-Hypersensitives, also Menschen die unter Elektrohypersensibilität leiden, kamen in den vergangenen Jahren hinzu. Kranzler und Phelps sind 2015 für insgesamt fünf Wochen - aufgeteilt auf Frühjahr und Herbst - in die Gegend ohne elektromagnetische Strahlen gereist, um ihre erste gemeinsame Fotoarbeit zu realisieren.

Herausgekommen sind beeindruckende Aufnahmen, großartige Porträts, nicht gerade einladende Landschaften und die erste Videoarbeit der beiden Fotografen, in der die Menschen aus der außergewöhnlichen Gegend erzählen. „Hier ist das Beste von beiden künstlerischen Ansätzen in einem Projekt vereint“, sagte Kuratorin Gabriele Hofer-Hagenauer bei der Presseführung am Mittwoch. Der 1979 in Linz geborene Kranzler stellt Menschen in den Vordergrund, das Hauptinteresse des aus Arizona kommenden Wahl-Salzburger Phelps gilt der zivilisatorischen Landschaft. Die strahlenfreie Umgebung um das Green Bank Teleskop bietet beides.

In Green Bank stehen riesige, hypermoderne Radioteleskope, die so sensibel reagieren, dass das Signal eines Tastendrucks auf einer Digitalkamera „wie ein Urknall“ für sie wäre, so Phelps. Minimale Signale würden krasse Ausschläge in den Aufzeichnungen der Wissenschafter verursachen. „Überall, wo man Teleskope sieht, darf man nur analog arbeiten“, erklärte Phelps. Daran hielten sich die beiden mit einer alten Hasselblad-Kamera - auch Belichtungsmesser waren tabu, für Nachteinstellungen musste es ein Feuerzeug tun. Je weiter die Teleskope weg sind, desto weniger streng das Verbot. Aufnahmen in den Häusern der Menschen und in den Büros der Wissenschafter etwa sind digital - sie arbeiten in mit Kupfer abgeschirmten Räumen.

Wie eng hier Wissenschaft und Spirituelles nebeneinander existieren, zeigt ein eindrucksvolles Porträt eines Astrophysikers, der seinen Blick gespannt auf etwas richtet, mit glänzenden Augen, die Begeisterung greifbar, daneben das Bild von auf einem Tisch angeordneten Kristallen aus dem Haus von Wi-Fi-Flüchtlingen. Ein Bär, der von einem Hund beschnüffelt wird, eine Schneelandschaft, das Innere eines der Riesenteleskope - und das Porträt einer Elfjährigen mit langen dunklen Haaren und einer weißen Teddymütze, die auf ihrem Bett kniet - eine der Hypersensiblen, die mit Vater und Oma hierhergekommen ist.

Das Thema, Forschung mit modernster Technologie, die aber bedingt, dass die nähere Umwelt auf viel moderne Technik verzichtet, fasziniert und trifft den Zeitgeist, das haben auch Phelps und Kranzler gemerkt, als sie ihre Dokumentation begannen und noch bevor ihr - bereits fast vergriffenes - Buch „The Drake Equation“ fertig war, um Bilder zur Illustration von Publikationen gebeten wurden. Man glaubt Landesgalerie-Leiterin Gabriele Spindler aufs Wort, wenn sie sagt, „ich war sofort überzeugt von dem Projekt, ohne noch eine Nacht darüber zu schlafen“. Es sei ein Porträt einer Region und ihrer Menschen, das sehr von den ruhigen Aufnahmen der beiden Künstler profitiert - es werde weitere gemeinsame Arbeiten geben, verrieten Kranzler und Phelps.

Die namensgebende Drake-Equation ist eine Gleichung, die zur Abschätzung der Anzahl der technischen, intelligenten Zivilisationen in unserer Galaxie, der Milchstraße, dient. Sie wurde vom US-Atomphysiker Frank Drake entwickelt und 1961 in Green Bank vorgestellt.

(S E R V I C E - „The Drake Equation“, Ausstellung in der Landesgalerie Linz, 7. November bis 24. Februar, Di-So 10 bis 18 Uhr, Do 10-21 Uhr, Mo geschlossen; Vortrag der Künstler am 15. Dezember, 14.30 bis 18 Uhr; www.landesmuseum.at)

(Bilder zur Ausstellung gibt es zum Download im Pressebereich unter http://www.landesmuseum.at)




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