Letztes Update am Mi, 07.11.2018 14:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Erste Hilfe: „Man kann nichts falsch machen“ - außer man tut nichts



Wien (APA) - Wer in die Situation kommt, Erste Hilfe leisten zu müssen, oder besser: zu können, der muss vor allem eines beherzigen: „In der Ersten Hilfe kann man nichts falsch machen. Das einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun“, sagte der Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes (ÖRK), Gerry Foitik, am Mittwoch zur APA.

Zum Fall des vor dem Wiener Krankenhaus „Göttlicher Heiland“ zusammengebrochenen Patienten wollte sich Foitik nicht äußern, „weil ich die Hintergründe nicht kenne“. Für den Mann wollte eine Passantin im Krankenhaus Hilfe holen, war vom Portier zunächst aber darauf verwiesen worden, die Rettung zu rufen. Dann alarmierte der Mann doch abkömmliche Ärzte, die mit der Reanimation nach etwa fünf Minuten begannen. Der Patient starb später im Wilhelminenspital, wohin ihn die Berufsrettung wegen der derzeit noch fehlenden Notfallaufnahmen im „Göttlichen Heiland“ gebracht hatte.

Foitik sagte grundsätzlich: „Die Erste-Hilfe-Leistung ist enorm wichtig, weil es in vielen lebensbedrohlichen Situationen von der Zeit abhängt.“ Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Herzstillstand, wo das Gehirn nicht mit Blut versorgt werde, verbessere jede Minute die Überlebenschancen. Laut Foitik reduzieren sich mit jeder verlorenen Minute bei der Reanimation die Chancen für den Patienten um zehn Prozent.

„Und Erste-Hilfe-Maßnahmen sind wirklich einfach“, sagte der ÖRK-Bundesrettungskommandant. Es gehe um Herzdruckmassagen bei Herzstillstand, um die Seitenlage, wenn jemand noch atmet, um das Abdrücken stark blutender Wunden. „Erste Hilfe ist nicht schwierig und für jeden zumutbar.“

Allerdings können bestimmte Personen in bestimmten Situationen gewichtige andere Interessen geltend machen: „Ein Rettungswagen, der zu einem Notfall unterwegs ist, darf auch an einem anderen Notfall vorbeifahren. Ein Arzt, der im Krankenhaus einen Patienten behandelt oder vor allem operiert, muss nicht auf die Straße hinauslaufen“, erläuterte Foitik. Wobei diese Regeln für Rettungs- und medizinisches Personal wesentlich enger gefasst seien als für andere Personen.

In den städtischen Gemeindespitälern gibt es kein Regelwerk bzw. keine expliziten Handlungsanweisungen, wie sich das medizinische Personal bei einem vergleichbaren Fall zu verhalten hat. Nur soviel: „Es ist nirgends festgehalten, dass die Ärzte nicht aus einem Spital raus dürfen, um zu helfen“, sagte eine Sprecherin des Wiener Krankenanstaltenverbunds am Mittwoch der APA. Bei einem Notfall unmittelbar vor einem KAV-Krankenhaus würden wohl Erste Hilfe geleistet und dann - je nach Bedarf und Krankheitsbild - die weiteren nötigen Schritte gesetzt werden, hieß es.

Grundsätzlich muss ein Arzt, der zu einem Notfall mit einem sich in Lebensgefahr befindenden Menschen kommt, helfen, sagte Thomas Holzgruber, Kammeramtsdirektor der Wiener Ärztekammer, zur APA. „Ein Arzt muss immer das tun, was er gerade kann. Wenn er privat unterwegs ist, wird er nicht unbedingt eine Arzttasche dabei haben.“ Aber es werde bei einem Mediziner davon ausgegangen, dass er über mehr Kenntnisse verfüge als nicht einschlägig ausgebildete Personen.

„Es gibt auch innerhalb der Ärztekammer Unterschiede zwischen jenen, die im Notfallbereich arbeiten, und jenen, die das nicht tun. Und auch bei der Ärzteschaft, die im Notfallbereich tätig ist, gibt es fachliche Unterschiede“, erläuterte der Experte. Prinzipiell müsse sich ein Arzt aber kümmern, wenn der Patient noch nicht betreut sei.

Wenn sich Notfälle vor einem Spital ereignen, bedeute das eine schwere Konfliktsituation für die Spitalsärzte am Ort. „Spitalspatienten sind kranke Menschen“, sagte Holzgruber. Der Mediziner müsse gewährleisten, dass diese anständig versorgt sind. Erst wenn er sicher sein kann, dass ihn seine Patienten akut nicht brauchen werden, kann er sich um den Fall vor der Tür kümmern. „Genau das haben die Ärzte nach meinem Informationsstand in den betreffenden Krankenhaus getan“, sagte der Experte.

Foitik wies im übrigen darauf hin, dass das Szenario, bei dem ein Passant auf der Straße zusammenbricht und man selbst Zeuge dieses Vorfalls wird, die Ausnahme ist. „Es betrifft meistens Leute, die man kennt - Familie, Arbeitskollegen, Freunde.“ Da komme noch der hohe moralische Anspruch dazu.

Foitik betonte, wie wichtig die permanente Beschäftigung mit dem Thema „Erste Hilfe“ ist. „Jeder, der einen Führerschein hat, hat einmal einen Kurs gemacht, aber es gibt die Halbwertszeit des Wissens.“ Nicht zuletzt deshalb sei das Dranbleiben und Auffrischen so wichtig. Viele würden sich wegen der mangelnden Routine nicht richtig trauen. „Die Hälfte der Leute macht‘s zwar (das Erste-Hilfe-Leisten, Anm.), aber eher homöopathisch.“




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