Letztes Update am Mi, 07.11.2018 15:47

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Endokrine Disruptoren: Allgegenwärtig und schädlich für Lebewesen



Brüssel (APA/AFP) - Die EU-Kommission hat eine neue Strategie zum Schutz vor sogenannten endokrinen Disruptoren vorgeschlagen. Diese Stoffe kommen vor allem in Pestiziden vor, können jedoch auch in Verpackungs- oder Baumaterialien enthalten sein. Die gesundheitlichen Folgen sind unter Umständen schwerwiegend, dennoch tun sich die EU-Gesetzgeber mit der Regulierung schwer.

Endokrine Disruptoren sind chemische Stoffe, die bei Aufnahme über die Nahrung oder die Haut das Hormonsystem verändern können. Dazu gehören unter anderem einige Pestizide, Dioxine sowie Kunststoffzusätze, die beispielsweise in Baustoffen, Möbeln oder Fußbodenbelägen enthalten sein können.

Im Alltag können Menschen zum Beispiel mittels Pestizidrückständen in Lebensmitteln oder über Verpackungsmaterialien in Berührung mit diesen Substanzen kommen. Die gesundheitlichen Auswirkungen für Mensch und Tier sind dabei vielfältig und oft schwerwiegend. Etwa können endokrine Disruptoren den Fortpflanzungsapparat schädigen oder zu hormonell bedingten Krebserkrankungen beitragen.

Bei Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln, chemischen Stoffen allgemein, Medizinprodukten und Wasser gibt es spezifische EU-Bestimmungen. In der Regel gilt ein Verbot der Verwendung von als endokrin disruptiv eingestuften Stoffen. Ausnahmen können in besonderen Fällen für einen kürzeren Zeitraum als bei einer regulären Genehmigung erteilt werden.

Bei den Vorgaben für Kosmetika und Verpackungsmaterialien für Lebensmittel sowie im Rechtsrahmen für Schutz am Arbeitsplatz werden endokrine Disruptoren nicht ausdrücklich genannt. Der Kommission zufolge werden sie aber wie andere Stoffe eingestuft, die die menschlichen Gesundheit schädigen können. Das heißt, dass von Fall zu geprüft wird, ob eine Substanz verwendet werden darf oder nicht.

Umwelt- und Verbraucherschützer kritisieren, dass es allgemein schwierig ist, einen Stoff als hormonell disruptiv einzuordnen. Stoffe, die den Hormonhaushalt beeinflussen, hätten meist langfristige Folgen, die nicht ohneweiteres nachzuweisen seien.

Ende 2017 hatte die EU erstmals Kriterien für die Definition endokriner Disruptoren festgelegt, die allerdings in erster Linie für Pestizide und Pflanzenschutzmittel gelten. Kritiker führen an, dass dies zu Rechtsunsicherheit führen könnte, da für die Einschätzung ein und desselben Stoffes in verschiedenen Bereichen unterschiedliche Kriterien gelten können.

Die Kommission hat eine breite Eignungsprüfung der Regelungen zu endokrinen Disruptoren eingeleitet. Es sollen bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse und große Mengen an Daten analysiert werden, um besser bewerten zu können, wie die Regelungen sich auf die menschliche Gesundheit, die Umwelt und die Wettbewerbsfähigkeit von Landwirten und Industrie auswirken.

Insgesamt tut sich die EU bei dem Thema aber schwer. Die ursprüngliche europäische Strategie zum Schutz der Bevölkerung vor hormonverändernden Stoffen ist rund 20 Jahre alt. Die Definition endokriner Disruptoren für Pestizide und Pflanzenschutzmittel 2017 war die erste wesentliche Neuerung der alten Regelung. Und auch diese wurde vier Jahre später beschlossen, als ursprünglich gefordert.




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